Gaza: Angriff aufs Gesundheitswesen

26.03.2026 | Die Realität in Israel und Palästina ist seit dem Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 von einer Kette unsagbarer Gewalt geprägt, die auch zur weitgehenden Zerstörung des Gesundheitssystems in Gaza geführt hat. Ein erschreckender Aspekt dieses Krieges sind die zahlreichen Inhaftierungen von Gesundheitsfachkräften und deren Behandlung in israelischen Gefängnissen.

Nach 665 Tagen Haft in israelischen Gefängnissen kam Dr. Ahmed Muhanna frei und kehrte in den Gazastreifen zurück. Ihn empfing ein Bild der Verwüstung, auch im al-Adwa-Krankenhaus, in dem er als Anästhesist und Notfallmediziner arbeitet. Es wurde im Laufe des Gaza-Krieges vom israelischen Militär belagert, gestürmt und beschossen. Am 21. November 2023 wurden bei einem Angriff mehrere Menschen getötet, darunter zwei Mediziner, die zu »Ärzte ohne Grenzen« gehörten. Im Dezember 2025 musste es die medizinische Versorgung wegen fehlender Stromversorgung vorübergehend einstellen. Funktionierende Geräte und Medikamente gab es ohnehin kaum. Dr. Muhanna erfuhr, dass 75 seiner Mitarbeitenden im Krieg getötet wurden. »Ich empfindet so viel Schmerz und Trauer angesichts dessen, was wir durchmachen«, sagte Muhanna gegenüber The Guardian.

Der renommierte Krankenhausarzt blickt selbst auf einen fast zweijährigen Leidensweg zurück. In israelischen Einrichtungen wie dem Gefangenenlager Sde Teiman wurde er misshandelt, gedemütigt und ausgehungert. Einmal wurde er so hart zusammengeschlagen, dass er sich eine Rippe brach. In solchen Fällen gab es keine medizinische Versorgung. Bis heute weiß Dr. Muhanna nicht, welche Vergehen ihm vorgeworfen wurden.

Zerstörung von Krankenhäusern

Sein Schicksal und das seines Krankenhauses sind im Gaza-Krieg keineswegs Einzelfälle. Nach UN-Angaben wurden 94 % der Krankenhäuser beschädigt oder zerstört. Es kam zu Zwangsräumungen, die auch Schwerstverletzte und -kranke einschlossen. Krankenhäuser wurden bombardiert, vom Boden aus sowie durch Scharfschützen beschossen. Medizinische Geräte wurden zerstört – Ende 2025 gab es keinen funktionierenden Kernspintomographen und nur ein CT-Gerät in Gaza. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden insgesamt mehr als 1.700 medizinische Fachkräfte im Krieg getötet.

Tötung von medizinischem Personal in Gaza

Der Direktor des Indonesischen Krankenhauses, Dr. Marwan Sultan, wurde am 3. Juli 2025 bei einem israelischen Luftangriff auf sein Wohnhaus in Gaza-Stadt getötet, zusammen mit mehreren Familienmitgliedern. Das israelische Militär behauptete, ein »Hamas-Terrorist« sei das Ziel gewesen, doch Augenzeugen berichten, dass nur Sultans Zimmer direkt getroffen wurde.

Bei einem anderen Vorfall am 23. März 2025 töteten israelische Soldaten 15 palästinensische Rettungskräfte in Rafah und begruben sie in einem Massengrab. Die Rettungsfahrzeugen waren in einem Konvoi unterwegs, um Verletzte nach einem Angriff zu bergen, als sie umstellt und beschossen wurden. Das Militär behauptete, es habe verdächtige Fahrzeuge angegriffen und dabei angeblich Hamas-Kämpfer getötet – doch unter den Opfern waren ausschließlich Sanitäter. Eine bei den Toten entdeckte Videoaufzeichnung zeigte, dass Rettungsfahrzeuge und -kräfte eindeutig als solche erkennbar waren und mit Blaulicht fuhren. Nach internen Untersuchungen der israelischen Streitkräfte wurde eingeräumt, dass es zu Fehlern der beteiligten Militärs kam.

Inhaftierung von Ärzten und anderen medizinischen Fachkräften: Berichte über Misshandlungen und Folter

Mehr als 300 medizinische Fachkräfte aus Gaza wurden während des Krieges inhaftiert. 24 von ihnen haben Anwälte der israelischen NGO Physicians for Human Rights Israel in Haftanstalten besucht und interviewt. Die meisten wurden in ihren Krankenhäusern festgenommen und unter Schlägen und Demütigungen in ein Gefängnis gebracht. Dort mussten sie über lange Zeiträume mit verbundenen Augen, gefesselt und kniend in ihren Zellen ausharren. Misshandlungen und Folter, beispielsweise mit Elektroschocks, gehörten zum Alltag. Es kam auch zu sexueller Gewalt.

Dr. N.T. (die Namen werden in dem Bericht nicht vollständig genannt), Chefchirurg im Nasser-Krankenhaus, sagte im Interview: »In jeder Phase unserer Haft erlitten wir Schläge, auch mit Schlagstöcken, Hunde wurden auf uns gehetzt; kochendes Wasser wurde über uns gegossen.« Es gab auch Todesfälle in Haft: beispielsweise starben zwei angesehene Ärzte – Dr. Iyad al-Rantisi, Oberarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im Kamal-Adwan-Krankenhaus, und Dr. Adnan al-Bursh, Leiter der orthopädischen Abteilung im al-Shifa-Krankenhaus.

Einigen der Interviewten wurden Rippen gebrochen. Verletzungen, chronische Krankheiten und gesundheitliche Probleme aufgrund der miserablen hygienischen Bedingungen – viele Häftlinge leiden unter schweren Formen von Krätze – wurden gar nicht oder unzureichend behandelt. Die Nahrungsmittelrationen waren einseitig und klein. Einige berichteten, dass die Gewalt zunahm, als die israelischen Soldaten herausfanden, dass ein Gefangener ein Arzt war.

Die Verhöre des gefangenen medizinischen Personals konzentrierten sich auf Informationen zu den Umständen in Gaza – Hamas-Strukturen, Tunnelsysteme, israelische Geiseln, Krankenhausgebäude – nicht auf etwaige persönliche Vergehen der Inhaftierten. Der Rettungssanitäter K.N. beschrieb seine Verhöre: » Eine Woche lang wurde ich im ‚Disco-Raum‘ verhört, wo die Musik immer ohrenbetäubend laut war. Bei einer Sitzung verprügelten sie mich so schwer, dass mir eine Zahnfüllung herausfiel. Sie verprügelten mich fast zu Tode. Sie drohten, meiner Familie und meinen Eltern etwas anzutun.«

Die Aussagen in diesen Interviews decken sich mit Zeugnissen von Häftlingen gegenüber der Presse, wie The Guardian, oder Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International. Auch israelische Whistleblower – Soldaten oder Ärzte, die in den Gefängnissen arbeiteten – berichteten über die schweren Misshandlungen von Häftlingen. Yoel Donchin, ein Arzt, der Häftlinge aus dem Gefangenenlager Sde Teiman behandelte, berichtete gegenüber dem israelischen Sender KAN von Verletzungen, die auf Misshandlungen zurückzuführen seien.

Israel behauptet, Krankenhäuser sind Stützpunkte der Hamas

Israel begründet die Angriffe auf Krankenhäuser und die Verhaftung des Personals mit der Behauptung, Krankenhäuser seien Hamas-Kommandostellen. Hierfür wurden nur sehr rudimentäre und nicht unabhängig geprüfte Beweise vorgelegt, wie der Fund einzelner Waffen. Völkerrechtlich können Krankenhäuser ihren Schutzstatus verlieren, wenn sie militärisch genutzt werden. Militärische Operationen müssen in diesem Fall aber verhältnismäßig sein. Bei den Verhaftungen wird das Gesetz über »Unlawful Combatants« (irreguläre Kämpfer) angewandt, das den Gefangenen grundlegende Rechte entzieht, da sie weder als Kriegsgefangene noch als Zivilisten geschützt sind. Diese Haft ist unbefristet und ohne Anklage möglich.

Verhaftungen wegen Folter im Militärgefangenenlager Sde Teiman

In einem Fall haben die Berichte über exzessive Gewalt in Gefängnissen zu einer Anklage gegen fünf israelische Reservisten geführt, denen die Misshandlung eines palästinensischen Häftlings im Militärgefangenenlager Sde Teiman vorgeworfen wird. Der Gefangene wurde schwer verletzt. Er erlitt unter anderem einen Lungenriss und gebrochene Rippen. Der Fall kam durch ein Video von Sicherheitskameras an die Öffentlichkeit, das die Misshandlungen zeigt. Die Veröffentlichung des Videos war in Israel umstritten und führte zum Rücktritt der obersten israelischen Militäranwältin. Ein Soldat wurde im Februar 2025 zu sieben Monaten Haft verurteilt.

Durch den Angriff auf das Gesundheitswesen steht in Gaza einer geschwächten Bevölkerung mit vielen Schwerverletzten und chronisch Kranken, die schon lange nicht mehr behandelt wurden, eine stark limitierte Zahl an schlecht ausgestatteten Gesundheitseinrichtungen gegenüber. Nur die Hälfte der Krankenhäuser sind in Betrieb – mit großen Einschränkungen durch den Mangel an Geräten, Medikamenten, Strom und dem geschwächten Personal. Neu eingerichtete Feldhospitäler können die Notsituation nur ein wenig lindern. »Ich bin Arzt, aber ich bin hilflos und nicht in der Lage, etwas zu tun, das Menschen helfen kann«, sagt Dr. Muhanna, der nach 665 Tagen Haft freikam, angesichts der desaströsen Verhältnisse. Gleichzeitig sagt er, dass gerade diese Umstände ihn motivieren, weiterzuarbeiten.

Henrik Weinhold

Der Beitrag ist in der Ausgabe 1/2026 unserer Zeitschrift Im Lande der Bibel erschienen.

Titelfoto: Bei einem israelischen Luftangriff im März 2025 wurde die Chirurgieabteilung des Nasser Krankenhauses in Khan Younis stark beschädigt. (Anas-Mohammed/Shutterstock.com)

Quellen und Links

Berichterstattung in The Guardian über die Gefangennahme medizinischen Personals

‘No staff, no equipment, no medicine’: a doctor on returning to Gaza after 665 days in an Israeli prison
The Guardian, 12.01.2026

More than 160 Gazan medics held in Israeli prisons amid reports of torture
The Guardian, 25.02.2025

Rising number of doctors among hundreds of medical staff detained in Gaza, say rights groups
The Guardian, 26.07.2025

No rules: Gaza’s doctors say they were tortured, beaten and humiliated in Israeli detention
The Guardian, 25.02.2025

Interviews der Physicians for Human Rights mit gefangenem medizinischem Personal

Torture of Medical Staff from Gaza in Israel Report and Testimonies
Report (PDF)
Testimonies (PDF)
Physicians for Human Rights, 26.02.2025

Angriff auf Rettungswagen

Israeli troops killed 15 Palestinian medics and buried them in a mass grave, UN says
AP News, 31.03.2025

Gaza: Israel gesteht „Fehler“ bei Beschuss auf Rettungswagen
ZDFheute, 20.04.2025

Tod von Dr. Marwan Sultan

Gaza hospital director killed in Israeli strike, relative says
BBC, 03.07.2025

Gaza doctor killed: Israeli bomb hits home of Marwan Sultan, relatives say
NBC News, 03.07.2025

Folter im Gefangenenlager Sde Teiman

Wurden palästinensische Häftlinge in Israel gefoltert?
tagesschau.de, 04.11.2025

Israel: Anklage gegen Soldaten wegen Misshandlung von Gefangenen
tagesschau.de, 05.11.2025

Israel: Haftstrafe für einen IDF-Soldaten nach Gewaltvorwürfen im Militärgefängnis Sde Teiman
Jüdische Allgemeine, 07.02.2025

Israels Militärabasis Sde Teiman: „Hier dürfen wir sie so richtig verprügeln“
Der Standard, 15.03.2026

Weitere Links und Quellen

Israel’s underground jail, where Palestinians are held without charge and never see daylight
The Guardian, 08.11.2025

OCHA: Humanitarian Situation Update (349) – Gaza Strip
UN OCHA, 18.12.2025

Reported Impact Snapshot – Gaza Strip, 18 February 2026
UN OCHA, 18.02.2026

Israel-Gaza: Doctors and surgeons detained in breach of international law
The Guardian, 25.02.2025

Israel/Gaza: Palästinensische Gefangene in Isolationshaft und Folter durch „Gesetz über ungesetzliche Kombattanten“
Amnesty International, 18.07.2024

Remembering our colleagues killed in Gaza
Ärzte ohne Grenzen (MSF), 05.03.2026

Two years of attacks on hospitals in Gaza
Ärzte ohne Grenzen (MSF), 05.03.2026 (Video)