Im Schatten des Gaza-Krieges

10.08.2026 | Immer mehr palästinensische Christinnen und Christen sind von struktureller staatlicher Gewalt betroffen, die teils von jüdischen Siedlern, teils vom israelischen Militär ausgeübt wird.

Nach dem 7. Oktober 2023 ist nichts mehr wie es vorher war. Seitdem hat sich so viel getan, was gar nicht so recht in Worte zu fassen ist. Die Terror-Attacke der Hamas, das Geiseldrama, das nicht aufgearbeitete Versagen der Politik: Das lässt viele Israelis bis heute völlig verzweifeln. Der Iran- und Libanonkrieg haben die Menschen in der Region weiter aufgewühlt. Spürbar sind eine große Erschöpfung und Perspektivlosigkeit auf allen Seiten, ob bei Israelis oder Palästinenser, ob bei Juden, Christen oder Muslimen. Dazu die Hungerskatastrophe im Gaza-Streifen vor den Augen der Welt. So viele Tote und immer mehr Leid.

Im Schatten der Kriege baut die rechtsgerichtete israelische Regierung in rasantem Tempo die für eine Demokratie nötige Gewaltenteilung ab und weitet ihre Kontrolle über den Staatsapparat aus. Und in der Westbank gibt es in zunehmender Zahl Übergriffe radikaler jüdischer Siedler, die unter dem Schutz des israelischen Militärs in palästinensische Dörfer einfallen, Häuser besetzen, plündern oder zerstören. Das betrifft Christen wie Muslime gleichermaßen. Die Menschen haben schon lange keinen normalen Alltag mehr. Gerade die Kinder sind traumatisiert. Eine junge Frau aus Bethlehem sagte in diesen Tagen am Telefon: „Wir leben, aber das Leben hat keine Bedeutung“. Und jüdische Freunde in Tel Aviv und Haifa pendeln bei Raketenalarm zwischen Bunker und Wohnung, suchen Schutz und finden keine Ruhe. Und viele Menschen im Iran leiden nicht nur durch die Diktatur, in der sie leben müssen, sondern sind voller Angst und Trauer.

Immer mehr Gewalt gegen Christen und Muslime – kein Schutz

Immer mehr palästinensische Christinnen und Christen sind von der strukturellen staatlichen Gewalt betroffen, die teils von jüdischen Siedlern, teils vom israelischen Militär ausgeübt wird. Dazu kommen Landenteignungen, der fortschreitende Siedlungsbau sowie Straßensperren und Checkpoints, die die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränken und eine wirtschaftliche Entwicklung verhindern. Und die korrupte Palästinensische Autonomie-Behörde ist ohne politische Legitimation und hat jeglichen Rückhalt in der Gesellschaft verloren und kann die Minderheit der Christen nicht wirklich gegenüber radikalen Muslimen schützen. Dieser recht- und schutzlose Alltag der Menschen in der Westbank und in Ost-Jerusalem gerät aktuell immer mehr aus dem Blick.

Verhaftung der jungen Christin Natalie Abu Dayyeh Wie dramatisch die Lage ist, veranschaulicht ein korrektes Beispiel dieser Tage: In der Nacht des 2. Juni wurde die 21jährige Natalie Abu-Dayyeh, Tochter einer hochangesehenen evangelisch-lutherischen Familie aus der evangelischen Gemeinde in Beit Jala bei Bethlehem, zusammen mit anderen Mitstudent*innen vom israelischen Militär im Studenten-Wohnheim in Birzeit bei Ramallah aus dem Bett heraus verhaftet. Nach einer kurzen Zeit im Ofer-Militärgefängnis bei Ramallah sind Natalie und die anderen jungen Frauen im Damon-Gefängnis bei Haifa im Norden des Staates Israel verlegt worden. Schon diese Verlegung ist völkerrechtlich nicht statthaft, weil eine Person, die in von einem Land besetzten Gebiet verhaftet wird, nicht in das Staatsgebiet des besetzenden Landes gebracht werden darf. Dies erfüllt den Tatbestand einer unzulässigen Deportation.

Natalie ist Christin und wie ihre Familie in der Gemeinde engagiert. Sie ist Absolventin der deutsch-palästinensischen Evangelisch-Lutherischen UNESCO-Friedensschule Talitha Kumi, einer deutschen Auslandsschule, deren Träger das Berliner Missionswerk ist. Natalie war zudem Mitglied der palästinensischen Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. Zurzeit studiert sie in der Birzeit-Universität Medien und Journalismus. Warum sie verhaftet wurde? Niemand weiß es.

Die Eltern sind schier verzweifelt angesichts der Lage und voller Sorge, dass Natalie, physische, psychische oder auch sexualisierte Gewalt angetan wird. Bekanntermaßen ist die Menschenrechtslage für palästinensische Gefangene in den israelischen Gefängnissen katastrophal.

„Veröffentlichte Berichte der Ombudsstelle des Justizministeriums in Jerusalem zeichnen ein erschütterndes Bild der Haftbedingungen palästinensischer Sicherheitsgefangener in israelischen Gefängnissen. Die staatlichen Inspektoren dokumentieren systematische Gewalt durch Wärter, chronischen Nahrungsmangel, medizinische Vernachlässigung sowie katastrophale hygienische Zustände, die zu Krankheitsausbrüchen führen“, so auch die Jüdische Allgemeine in einem Artikel.

Dabei ist laut Oberstem Gerichtshof der israelische Gefängnisdienst gesetzlich verpflichtet, grundlegende Lebensbedingungen zu gewährleisten, einschließlich ausreichender Nahrung. Um das zu überprüfen, wird trotz Gerichtsbeschluss dem Roten Kreuz bis heute der Zugang verweigert.

Ein persönlicher Kontakt zu ihrer Tochter ist den Eltern seit über einem Monat verwehrt. Nicht einmal digital konnten die Eltern mit ihr sprechen, nur einmal haben sie sie kurz gesehen über das Handy ihres Rechtsanwaltes. Für einen Besuch in Israel benötigen die Eltern eine Einreisegenehmigung, die sie als Bewohner der Westbank nicht bekommen. Der von ihr gewünschte geistliche Beistand durch ihren Ortspfarrer Ashraf Tannous, der als Jerusalemer Bürger die Möglichkeit hätte, Natalie in einem Gefängnis im Staat Israel zu besuchen, wird aktuell nicht gewährt.

Natalie kann nach israelischem Militärrecht zunächst sechs Monate ohne Anklage und Gerichtsverfahren festgehalten werden, eine Frist, die dann einfach wieder verlängert werden kann – ohne Begründung. Schon mehrmals wurde ein Anhörungstermin vor Gericht verschoben.

Diese zermürbende Lage für Natalie und ihre Familie geht weiter: Viel Hoffnung lag auf einer gerichtlichen Anhörung am 22. Juli, die nach viermaliger Verschiebung endlich stattgefunden hat. Doch was kam, war mehr als ernüchternd: die Haft von Natalie wurde ohne Begründung und weiter ohne Erhebung einer konkreten Anklage bis 23. September verlängert. Das wären dann über drei (!) Monate in Haft, ohne zu wissen warum, ohne dass die Eltern einen persönlichen Zugang erhalten haben. Gott sei Dank scheint Natalie soweit körperlich unversehrt, die seelischen Belastungen sind gleichwohl enorm. Auf Betreiben der Rechtsanwälte der Familie ist nun doch ein neuer Anhörungstermin auf den 18. August gelegt worden.

Adminstrativhaft verunsichert die Familien – viele Minderjährige in Haft

Natalie ist kein Einzelfall: Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass sich über 3.200 Menschen, darunter ca. 400 Minderjährige in sogenannter „Administrativ-Haft“ ohne reguläres Verfahren befinden. d. h. ohne Haftbefehl und ohne Anklage . Die menschenrechts- und völkerrechtswidrige Praxis in Gefängnissen, in denen Palästinenser*innen inhaftiert sind, wird von der EU und unseren engsten Verbündeten schon länger kritisiert.

Vor allem sind die palästinensischen Familien überall in den besetzten Gebieten in dauernder Anspannung und voller Sorge. Sie lassen vielfach ihre Kinder gar nicht mehr aus dem Haus oder in ein Kino gehen aus lauter Angst, dass ihre Kinder verhaftet werden und in einem israelischen Gefängnis über Monate verschwinden.

Die unsichere Gesamtlage hat dazu geführt, dass bereits mehrere hundert christliche Großfamilien das Land verlassen haben und ausgewandert sind. Die Region zwischen Jerusalem, Bethlehem, Beit Sahour und Ramallah droht „christenfrei“ zu werden. Dürfen wir dieser Entwicklung weiterhin einfach nur zuschauen?

Es ist weder antisemitisch noch israelfeindlich, das menschen- und völkerrechtswidrige Verhalten einer rechtsgerichteten bis rechtsextremen Regierung zu kritisieren. Wenn uns hier in Deutschland Menschenrechte und das nach dem zweiten Weltkrieg geschaffene internationale Völkerrecht am Herzen liegen, müssen wir deutlicher werden. Auch, aber nicht nur unseren Glaubensgeschwistern zuliebe. Wir haben aufgrund unserer Geschichte eine besondere Verantwortung für den Staat Israel. Dies kann aber nicht bedeuten, dass wir hinwegschauen über das Unrecht, das geschieht: Menschenrechte und Menschenwürde sind unteilbar und gelten für alle, für Israelis wie Palästinenser.

Pfarrer Dr. Andreas Goetze
ist Referent im Fachbereich interreligiöser Dialog sowie für den Nahen und Mittlerer Osten im Zentrum Oekumene der EKHN und EKKW in Frankfurt a.M., Vorstandsmitglied im Jerusalemsverein und im diak e.V.

Diplom-Volkswirtin Sybille Möller-Fiedler
ist stellvertretende Vorsitzende des Jerusalemsvereins. Von 2015 bis 2026 war sie Landesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Hamburg (EAK) und gehörte von 2015 bis 2022 dem EAK Bundesvorstand an.

Die Zahlen zu den palästinensischen Häftlingen schwanken. Hier werden sie nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation HAMoked, die kostenlosen Rechtsbestand für Palästinenser in Adminstrativhaft leistet, wiedergegeben (hamoked.org) sowie nach Angaben der NGO B’Tselem (btselem.org). Die Dunkelziffer liegt höher. Rechnet man noch die „unrechtmäßigen Kombattanten“ hinzu, also Personen, die direkt oder indirekt an bewaffneten Feindseligkeiten beteiligt gewesen sein sollen, sind um die 9.500 Personen in Administrativhaft. Im Herbst 2025 gab es nach Recherchen der Zeit über 11.000 palästinensische Sicherheitsgefangene. (Stand: 03.07.2026)

Der Beitrag erschien ursprünglich in einer etwas kürzeren Fassung in: Evangelische Verantwortung, Das Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Ausgabe 7+8/ 2026, S. 13-14: https://www.eak-cducsu.de/sites/www.eak.cdu.de/files/ev_0708_26_web.pdf