28.08.2026 | Sliman Mansour, der bedeutendste palästinensische Künstler seiner Generation, starb am 24. August 2026 im Alter von 79 Jahren. Sein Werk wurde durch den gewaltfreien Kampf gegen die israelische Besatzung und die Suche nach einer palästinensischen Identität geprägt.
Er war der Grandseigneur der palästinensischen Kunstwelt: Der am 27. Juli 1947 in Birzeit geborene Sliman Mansour prägte die Ikonographie seiner Heimat nachhaltig und trug maßgeblich dazu bei, dass sich eine zeitgenössische palästinensische Kunstszene entwickelte, die auch international Beachtung findet. Er starb am 24. August 2026 in seinem Haus in Ostjerusalem.
Durch seine Verbindungen zum Jerusalemsverein und dem Berliner Missionswerk erlangte sein Werk auch in Deutschland Bekanntheit. Besonders eng verbunden war Mansour mit der Schule Talitha Kumi in Beit Jala. Seine jahrzehntelange freundschaftliche Beziehung zur Schule hinterließ sichtbare Spuren: Das Logo Talitha Kumis lehnt sich an das Gemälde „Symbol of Hope“ an; bei den Andachten in der Schulkirche richtet sich der Blick aller Teilnehmenden auf ein großes Mosaikbild Mansours, und ein Reliefbild ziert eine Außenwand der Schule. Auch der Entwurf der neuen Talitha-Kumi-Skulptur vor dem Haupteingang stammt von dem Künstler.
Ein ikonisches Gemälde: Sliman Mansours „Lastenträger“
Es heißt, dass nahezu jeder Palästinenser das Gemälde „Camel of Hardships“ („Lastenträger der Mühsal“) von Sliman Mansour kennt. Seine beispiellose Verbreitung als Poster, Postkarte oder T-Shirt machte das 1973 gemalte Bild zu einer palästinensischen Ikone.
Das Gemälde zeigt einen Mann, der die Stadt Jerusalem wie einen Sack mit einem Lastengurt auf dem Rücken trägt. Der unter der Last stark gebückt laufende Lastenträger hat übergroße Arme, Hände und Füße. Er selbst, der gespenstische, leere Boden und der Himmel werden in fahlen Farben gehalten. Das Abbild Jerusalems mit dem optisch dominierenden Felsendom strahlt dagegen. Es hat die Form eines Auges oder Augapfels als Symbol für etwas besonders Kostbares. Das Bild drückt die überragende Bedeutung aus, die Jerusalem für die Palästinenser und ihre Identität hat. Für die meisten ist die Stadt durch Vertreibung, Exil und Abriegelung nur in der Erinnerung lebendig – die zur riesigen Last wird, aber auch einen Funken Hoffnung auf ein frei zugängliches Jerusalem in Friedenszeiten erhält.

Mansour malte drei Versionen des Gemäldes „Jamal Al-Mahamel“ – so der arabische Titel. Die erste Version von 1973 galt längere Zeit als verschollen. 2015 kündigte das Auktionshaus Christie’s als Highlight seiner Frühjahrsauktion in Dubai die Versteigerung der zweiten Version an. Nach der Veröffentlichung des Katalogs meldete sich ein Sammler aus London, der glaubte, die erste Version zu besitzen, was spätere Untersuchungen bestätigten. Die Version, die in Dubai versteigert wurde, war in Wahrheit die dritte, etwas farbigere Version von 2005. Und die zweite? Diese Version von 1975 erwarb interessanterweise der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi. Das Gemälde wurde 1986 bei einem US-Militärschlag gegen Libyen vernichtet.
Kindheit in der Region Bethlehem
Der Künstler wurde am 27. Juli 1947 in Birzeit, einem Dorf nördlich von Ramallah, geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog die Mutter mit ihren sechs Kindern nach Jerusalem. Sliman besuchte in Bethlehem die lutherische Schule und lebte im benachbarten Beit Jala im Jungeninternat. Seine künstlerische Begabung zeigte sich früh, und er wurde von dem deutschen Kunstlehrer Felix Theis gefördert. Als Jugendlicher verdiente er sich mit dem Malen von Porträts nach der Vorlage von Fotos sein Taschengeld. Mit fünfzehn Jahren gewann der Schüler einen hochdotierten UN-Kinder-Malwettbewerb. Nach dem Abschluss der Schule studierte er in Westjerusalem an der renommierten Bezalel-Akademie.
Künstlerischer Kampf gegen Besatzung
Sliman Mansour war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Künstlervereinigung „Rabita“, die ab 1975 in den besetzten palästinensischen Gebieten Ausstellungen organisierte und Kunstreproduktionen verbreitete. 1979 eröffnete er zusammen mit Isam Bader und Nabil Anani die „Galerie 79“, die erste Kunstgalerie in Ramallah. Im September 1980 wurde dort eine Ausstellung mit Bildern Mansours vom israelischen Militär kurz nach der Eröffnung geschlossen und die Galeristen verhört. Auch in den folgenden Jahren geriet Mansour in Konflikt mit der israelischen Militärverwaltung. Er wurde häufig verhört und mehrmals wegen Volksverhetzung angeklagt und zu kürzeren Haftstrafen verurteilt.
Mansour ließ sich jedoch nicht davon abhalten, weiterhin kritische Ausstellungen zusammen mit palästinensischen sowie auch linken israelischen Künstlern zu organisieren. Sie trugen Titel wie „Nieder mit der Besatzung“ (1985) oder „Für die Entstehung eines palästinensischen Staates“ (1987). 1992 war Mansour Mitbegründer des Al-Wasiti-Kunstzentrums, das 1994 in Jerusalem mit ihm als Direktor offiziell eröffnet wurde und viele Jahre zu einem wichtigen Instrument der Förderung palästinensischer Kunst wurde. Neben seiner zentralen Rolle bei der Organisation der palästinensischen Kunstwelt erwarb er sich Verdienste als Dozent in der Förderung des künstlerischen Nachwuchses, u. a. an der Al-Quds-Universität, und erforschte die palästinensische Kultur. Er veröffentlichte zwei Bücher über palästinensische Folklore mit einem Schwerpunkt auf der traditionellen Kleidung.
Kunst zwischen Politik und Gesellschaft
Das künstlerische Werk von Mansour hatte starke gesellschaftliche Bezüge und war explizit politisch. Stilistisch hatten viele Gemälde eine Nähe zum Sozialistischen Realismus, etwa Werke, die Menschen bei der Landarbeit zeigen. Eine überragende Stellung nahmen Frauenbildnisse in seinem Œuvre ein. Die abgebildeten Frauen waren lebensspendend; sie ernährten und bewahrten. Mansour setzte sich in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft mit diesen Werken konsequent für die Würde der Frauen ein. „Eine Frau trägt Jerusalem“ (1979) war das Gegenstück zum „Lastenträger der Mühsal“ (1973). Hier ruht eine kreisrunde Repräsentation von Jerusalem in den Armen einer Frau und hält die Erinnerung an ein frei zugängliches Jerusalem in Friedenszeiten wach.

Bei vielen Werken erschließt sich ein politisches Anliegen Mansours auf den ersten Blick: „Tag der Gefangenen“ (1980) zeigt eine palästinensisch schwarz-weiße gemusterte Taube, die die Stäbe eines Gefängnisfensters durchbricht, und „Rituale unter der Besatzung“ (1989) zeigt eine Menschenmenge, die ein riesiges Steinkreuz mit aufgemalter palästinensischer Flagge wie einen Sarg trägt.
Bei anderen Werken überwiegt eine subtile künstlerisch-emotionale Durchdringung eines Themenkreises, der sich um die Vertreibung der Palästinenser aus ihren Dörfern im Jahr 1948, die israelische Besatzung der Westbank nach dem Sechstagekrieg 1967 und den Folgen für die Palästinenser dreht. Dazu gehört „Beit Dajan“ (1988), ein kleinformatiges Werk, bei dem Mansour auch Naturmaterialien wie Lehm und Kokosfasern benutzte. Das Bild zeigt mit einer abstrakten Formensprache die Kartographie eines nach der Vertreibung zerstörten Dorfes und hält die Erinnerung an ein Dorfleben inmitten der Natur wach.
Mit „Birzeit“ (2006) porträtierte Mansour sein Heimatdorf. Es ist ein großformatiges, farbloses Werk aus Lehm mit einer vertikalen Dreiteilung: Links und rechts sind die Umrisse eines Mannes zu sehen, in der Mitte eine Olivenbaumplantage. Der Mann scheint links in das Bild hineinzugehen und rechts aus ihm herauszutreten. Die drei Teile werden durch Trennlinien und eine unterschiedliche Struktur der Lehmstücke hart voneinander getrennt. Das Bild strahlt Abgrenzung, Fragmentierung und Trostlosigkeit aus. Mensch und (ökonomisch genutzte) Natur sind voneinander abgetrennt. So sah Mansour seine Heimat.
Neue künstlerische Periode: Mansours Arbeiten mit Naturmaterialien
Bei den Arbeiten Mansours mit Naturmaterialien wie Lehm wurde ein Einfluss der Großmutter mütterlicherseits deutlich, mit der er in seiner Jugend viel Zeit verbrachte. Sie war eine Töpferin, die Tonkrüge herstellte und häufig das Haus ihrer Familie mit traditionellen Baumaterialien – Stroh und Lehm – ausbaute und instand hielt. Nachdem die Israelis 1996 die Einfuhr palästinensischer Früchte und anderer Waren verboten hatten und Mansour sowie andere palästinensische Künstler beschlossen, keinen Künstlerbedarf wie Ölfarben mehr in Israel zu kaufen, wurde die Arbeit mit traditionellen einheimischen Materialien für ihn zum Konzept. Es entstanden Werke aus Lehm mit einer bewusst brüchigen Oberfläche, die die Brüche und Fragmentierungen im palästinensischen Leben widerspiegelten.

Zu diesen Werken gehörte auch eine Reihe von Selbstporträts wie „Ich, Ismael“ (1996). Auf einer rechteckigen, mit Lehm bedeckten Holzplatte ist das modellierte Relief eines Mannes zu sehen. Im Sand liegend und mit faustgroßen Steinen umringt hat dieses Selbstporträt den Charakter einer Installation, die vielfältige Assoziationen weckt, zum Beispiel die eines Grabes. Im biblischen Schöpfungsbericht wurde Adam, der Mensch, aus Erde gemacht, und ihm wurde gesagt, dass er wieder zur Erde werden solle. Der Titel „Ich, Ismael“ bezieht sich auf eine biblische Gestalt, den erstgeborenen Sohn Abrahams, der zum Stammvater der Araber wurde.
Überall Fragmentierung
Um die Frage, wie die Besatzung Palästinenserinnen und Palästinenser prägt, dreht sich auch eine Werkgruppe aus dem Jahr 2009 („Qalandia Checkpoint“, „Between the Wall Pieces“ u. a.). Sie stellt Menschen dar, die an den Checkpoints warten und dabei geradezu einfrieren. Mansour zeigt, wie die Checkpoints, Mauern und Grenzanlagen die Landschaft, die Menschen und ihr Alltagsleben verändern und prägen. Es wird deutlich, wie stark die Zeit der Palästinenser fremdbestimmt ist und ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Auf dem Gemälde „At the Wall“ verschmelzen drei Personen als Statuen mit Mauerfragmenten: Aus der Fragmentierung des Landes folgt eine Fragmentierung der Gesellschaft.
Sliman Mansours Wandgemälde im Palästinensischen Museum
Sliman Mansour war auch in seinen späten Jahren sehr produktiv. Dabei kehrte er einerseits zum Stil seiner realistischen Arbeiten aus den 70er und 80er Jahren zurück, andererseits zu den abstrakten Werken aus Naturmaterialien. Eine seiner letzten Arbeiten war ein großes Wandrelief (12 x 6 Meter) aus Lehm im Palästinensischen Museum. „On the Wing of an Angel“ stellt eine abstrakte Landkarte der Jerusalemer Altstadt dar. Es gehört zu einer im Dezember 2024 eröffneten Ausstellung in dem Kunstmuseum, für die auch langjährige künstlerische Weggefährten Mansours große Wandgemälde schufen: Nabil Anani, Tayseer Barakat und Vera Tamari. Mit ihnen gründete Mansour in der Zeit der Ersten Intifada die Künstlergruppe „New Visions“.
Mit seiner Kunst berührte Sliman Mansour viele Menschen und inspirierte Generationen von palästinensischen Künstlerinnen und Künstlern. „Der Welt hinterlässt er ein Leben voller Schönheit und Erinnerungen sowie ein Vermächtnis, das durch all jene Menschen weiterleben wird, deren Leben er geprägt hat“, erklärte seine Familie nach seinem Ableben.
Henrik Weinhold
Titelbild:
Links: Sliman Mansour vor der von ihm entworfenen Talitha-Kumi-Skulptur auf dem Schulgelände. Rechts: „Eine Frau trägt Jerusalem“ (1979)
Quellen und Links
Highlight of Christie’s auction is Suleiman Mansour’s Jamal Al Mahamel III (Camel of Burdens)
The National, 17.03.2015
The Palestinian Museum Unveils Murals by Artists of the “New Visions“ Group
The Palestinian Museum, 09.12.2024
On the Wing of an Angel
The Palestinian Museum, 2024
Instagram-Seite von Sliman Mansour
Faten Nastas Mitwasi (2008): Sliman Mansour. Michael Imhof Verlag, Petersberg.