Siedler greifen europäische Diplomaten in Taybeh an – zuvor US-amerikanische Journalistin schwer verletzt

21.10.2026 | Während der Olivenernte im Westjordanland ist die Gewalt durch israelische Siedler gegen die palästinensische Bevölkerung weiter eskaliert. Angriffe am 16. und 17. Oktober in Taybeh und Abu Falah richteten sich auch gezielt gegen eine europäische Solidaritätsdelegation sowie eine US-amerikanische Fotojournalistin.

Maskierte, mit Eisenstangen bewaffnete Siedler haben am Samstag, dem 17. Oktober, im christlichen Dorf Taybeh nordöstlich von Ramallah eine europäische Solidaritätsdelegation aus Regierungs- und Kirchenvertretern angegriffen. Zu der Besuchergruppe gehörten unter anderem die belgische Generalkonsulin in Jerusalem, Anick Van Calster, und der 78-jährige Bürgermeister der französischen Stadt Aulnoye-Aymeries, Bernard Baudoux, der mit seinem Ortspfarrer nach Taybeh gereist war, um dort eine Gemeindepartnerschaft zu besiegeln. Bei dem Angriff wurde Baudoux nach eigenen Angaben mit Eisenstangen geschlagen und zu Boden gestoßen. Die Fensterscheibe eines belgischen Konsulatsfahrzeugs wurde zerschlagen. Nach Angaben des katholischen Pfarrers Bashar Fawadleh griffen die Siedler zuvor die Dorfbewohner Taybehs bei der Olivenernte an und stahlen geerntete Oliven.

Es war der zweite Angriff dieser Art binnen von zwei Tagen: Am Freitag hatte eine große Gruppe maskierter Siedler im benachbarten Abu Falah die Washington-Post-Fotografin Heidi Levine überfallen. Die Angreifer traten zehn Minuten auf sie ein und fügten ihr schwere Verletzungen zu, darunter eine gebrochene Rippe und gebrochene Wirbel. Nach dem Bericht eines Augenzeugen, den die Zeitung „Haaretz“ zitiert, trafen israelische Sicherheitskräfte erst spät ein und gingen lediglich gegen anwesende Palästinenser vor, die der Journalistin zur Hilfe eilten.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu sprach davon, dass unklar sei, wer bei dem Vorfall die Gewalt ausgelöst habe, und zog den Angriff auf Levine in Zweifel. Auch über den Siedlerangriff in Taybeh äußerte sich Netanjahu zurückhaltend und befürchtete eine Schmutzkampagne gegen Israel. Dagegen verurteilten der israelische Präsident Isaac Herzog und Außenminister Gideon Saar die Gewalt, ebenso der Spitzenkandidat der Opposition für die bevorstehenden Wahlen, Gadi Eisenkot, der von „jüdischem Terror“ einer kleinen Minderheit sprach. Die Außenministerien Frankreichs, Polens und Belgiens verurteilten die Angriffe scharf. Die israelische Polizei kündigte umfassende Ermittlungen an. Zehn Verdächtige wurden festgenommen.

Das israelische Militär hatte im August nach monatelangen Siedlerangriffen Taybeh zur geschlossenen militärischen Zone erklärt, offiziell zum Schutz der Bewohner. Doch in der Praxis beschränkte die Anordnung nach Angaben von Dorfbewohnern vor allem den Zugang der Palästinenser zu ihren Ländereien – während Siedler nach wie vor ungehindert in die Olivenhaine eindrangen.

Seit Beginn der Olivenernte Anfang Oktober wurden nach palästinensischen Angaben mindestens vier Menschen getötet und über 100 verletzt.

Die Patriarchen und Kirchenoberhäupter in Jerusalem haben in einer gemeinsamen Erklärung die Gewalt in Taybeh scharf verurteilt. Sie schreiben:

„[…] Dieser brutale Angriff auf das christliche Dorf Taybeh und seine friedliche Bevölkerung ist kein isolierter Vorfall. In den vergangenen Wochen waren die palästinensischen Dörfer des Westjordanlands einem weitreichenden Terror durch Siedler ausgesetzt, der in dieser Zeit der Olivenernte seinen Höhepunkt erreicht – jener Zeit, in der die Familien auf ihre Ländereien gehen, um zu ernten, was sie zum Leben brauchen, und ihre generationenalte Verbindung zu ihrem Land zu erneuern. In diesem Zusammenhang halten wir das kürzlich veröffentlichte religiöse Gutachten, das Juden erlaubt, die Oliven der Palästinenser zu nehmen, für unbegründet, äußerst beunruhigend und gefährlich sowie absolut inakzeptabel. Wir wissen es sehr zu schätzen, dass mehrere Rabbiner und jüdische Stimmen es öffentlich zurückgewiesen haben.

Wir danken dem Präsidenten des Staates Israel, Herrn Jitzchak Herzog, für seine Worte der Verurteilung. Leider zeigen die Fakten vor Ort, dass diese Angriffe aufgrund der Straffreiheit, deren sich die Täter erfreuen, weiter andauern. Wir würdigen das Einschreiten der israelischen Polizei und die im Anschluss an diesen Angriff erfolgten Festnahmen, und wir äußern die Hoffnung, dass diese Rechtsdurchsetzung ernsthaft und konsequent fortgesetzt wird und nicht eine isolierte Maßnahme bleibt.

Wir rufen die zuständigen Behörden auf, die Verantwortlichen der Gerechtigkeit zuzuführen, und wir mahnen die internationale Gemeinschaft, ihre Anstrengungen zum Schutz der Menschen in Taybeh und im Westjordanland sowie all jener zu verstärken, die diese Gebiete besuchen, um ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen.

Wir erneuern unsere volle Unterstützung für die Gemeinde von Taybeh und ihre Kirchen, und wir werden wie in der Vergangenheit weiterhin alles Mögliche tun, um die christliche Präsenz dort zu bewahren.

Wir erheben unsere Gebete für die Menschen von Taybeh und für alle Menschen des Heiligen Landes, auf dass sie in Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden leben mögen.“

Quellen und Links

Siedler greifen Journalisten und Diplomaten an
taz, 18.10.2026

Masked settlers attack European diplomats in the occupied West Bank
AP, 17.10.2026

Facebook-Seite der ELCJHL
20.10.2026

Foto: Bei der Kirchenruine St. Georg in Taybeh verübten radikale Siedler wiederholt Brandanschläge (SeeSaw GmbH /Shutterstock)