Auguste-Viktoria-Krankenhaus: Weitermachen – trotz aller Einschränkungen

11.07.2025 | Das Auguste-Viktoria-Krankenhaus spielt eine wichtige Rolle in der palästinensischen Gesundheitsversorgung. Sieglinde Weinbrenner, die für den Lutherischen Weltbund dessen Arbeit verantwortet, spricht im Interview über die aktuelle Herausforderungen.

Dr. Simon Kuntze: In normalen Zeiten werden im Auguste-Viktoria-Krankenhaus Patienten aus der Westbank und dem Gazastreifen behandelt. Ihr besucht auch Patienten. Kannst du sagen, wie sich eure Arbeit durch den Gazakrieg verändert hat?

Sieglinde Weinbrenner: Das Auguste-Viktoria-Krankenhaus ist spezialisiert auf Krebsbehandlung und auf Dialyse. Das Besondere an der Krebsbehandlung ist, dass wir sowohl Strahlentherapie als auch Chemotherapie anbieten können. Deswegen sind vor dem Krieg die Patienten aus der Westbank und aus dem Gazastreifen über das palästinensische Gesundheitsministerium zum Auguste-Viktoria-Krankenhaus nach Ostjerusalem überwiesen worden. 30 bis 40 Prozent unserer Patienten waren aus dem Gazastreifen, ungefähr 1200 bis 1500 Personen im Jahr. Seit Oktober 2023 können keine Patienten aus Gaza mehr kommen und die Behandlungen mussten abgebrochen werden. Die Situation ist jetzt ziemlich dramatisch. Beim Ausbruch des Krieges hatten wir ungefähr 700 Behandlungen in den Kalendern, die haben alle nicht stattgefunden. Statistisch gesehen kann man davon ausgehen, dass in der Zeit seit Ausbruch des Krieges ungefähr 2000 Menschen neu Krebs entwickelt haben, die jetzt auch nicht behandelt oder diagnostiziert werden können.

Beim Ausbruch des Gazakrieges befanden sich Patienten aus dem Gazastreifen im Krankenhaus. Was ist eigentlich mit denen passiert?

Ungefähr 100 Personen aus Gaza befanden sich bei Ausbruch des Krieges im Krankenhaus, sowohl Patienten als auch Begleitpersonen. Davon sind jetzt noch 80 Personen in Jerusalem. Die Situation ist für diese Menschen sehr schwer. Sie sind zwar auf der einen Seite hier in Jerusalem in Sicherheit, aber auf der anderen Seite sind sie getrennt von ihren Familien. Sie haben fast alle ihre Häuser verloren und die Familienangehörigen zum Teil auch. Ich denke, es ist eine ziemlich traumatisierende Erfahrung, weil sie natürlich gerne wieder mit ihren Verwandten zusammen wären. Während der kurzen Phase des Waffenstillstands Ende Januar bis Anfang März gab es Anfragen von den Patienten, die zurückkehren wollten. Das war aber nicht möglich. Es ist menschlich eine sehr schwere Situation.

Habt ihr noch Kontakt zu früheren Patienten aus dem Gazastreifen?

Es ist ganz schwer, mit den Patienten in Kontakt zu bleiben. Das gelingt nur bei wenigen. Es gibt zum Beispiel einen Patienten, den wir vor dem Krieg wegen eines Gehirntumors behandelt haben. Er ist Apotheker und kann sehr gut über seine Situation berichten. Wir sind mit einzelnen Ärzten, mit denen wir zusam mengearbeitet haben, noch in Kontakt. Vor dem Krieg standen wir kurz vor der Eröffnung unseres Diagnostikzentrums für Krebsvorsorge und Krebsbehandlung in Zusammenarbeit mit dem Al Ahli-Arab-Krankenhaus in Gaza-Stadt. Das Krankenhaus steht noch, aber es ist schon sechsmal angegriffen worden. Der Empfangsraum und auch, so glaube ich, die Orthopädie wurden am Palmsonntag zerstört. Aber unser Gebäude steht noch, wo wir in zwei Fluren unser Diagnostikzentrum eingerichtet hatten, dort gibt es medizinische Geräte, die zum Teil auch noch funktionieren. Wir konnten letztes Jahr an die 150 Krebspatienten behandeln und zwei größere Hilfslieferungen für Krebsmedikamente und andere medizinische Materialien organisieren. Das ist leider alles seit dem 2. März wieder gestoppt worden. Aber unsere Aufgabe bleibt, den chronisch kranken Menschen in dieser Notsituation zu helfen.

Ihr macht auch aufsuchende Behandlungen in der Westbank. Wie funktioniert das gerade?

Wir haben einen großen Truck, der wie eine kleine Klinik eingerichtet ist, mit einem digitalen Mammographiegerät für Screening. Es gibt auch Vorsorgeberatung für Frauen. Gerade am Anfang des Jahres gab es aber Einschränkungen durch massive militärische Auseinandersetzungen im Norden, in Jenin, Tulkarem und Nablus. Der Truck war zuvor auch in diese Gebiete gefahren, aber das ist zum Teil nicht mehr möglich. Wir hatten mit Gesundheitszentren der UNRWA in den Camps Termine vereinbart, das fällt jetzt auch weg. Insgesamt funktioniert diese Arbeit in der Westbank aber trotz Einschränkungen noch gut. Wir haben sogar mehr Frauen in diesem Jahr erreicht, weil wir sehr viel Öffentlichkeitsarbeit und Bewusstseinsbildung gemacht haben. Im letzten Jahr haben wir 50 Fälle von Brustkrebs diagnostiziert und wir konnten bei den 50 Frauen früh mit der Behandlung beginnen.

Du bist in Jerusalem Repräsentantin des Lutherischen Weltbundes. Was habt ihr für Möglichkeiten, politisch Einfluss zu nehmen?

Eine Möglichkeit ist, über unsere Arbeit zu berichten, über die Schwierigkeiten an eine Behandlung zu kommen und auch, wie es chronisch Kranken geht. Da stoßen wir meistens auf offene Ohren, auch bei Politikern. Viele können nachvollziehen, was es bedeutet, an Krebs erkrankt zu sein und keinen Zugang mehr zu Behandlungsmöglichkeiten zu haben, durch den Krieg und durch die politische Situation. Ich habe den Eindruck, dass die Geschichten, die wir über unsere Patienten erzählen viele Menschen berühren. Dadurch entsteht durchaus auch der Willen, das Krankenhaus zu unterstützen, finanziell, aber auch politisch und auf der medizinischen Ebene. Die meisten unserer Ärzte haben ihre Spezialisierung in israelischen Krankenhäusern gemacht.

Gibt es internationale Unterstützung, etwa auf europäischer Ebene?

Ja, es gibt die Hilfsgelder der Europäischen Union. Ein Teil ist zweckgebunden für die Ostjerusalemer Krankenhäuser. Es gibt eine große Bereitwilligkeit, diese Förderung auch fortzusetzen. Unsere Aufgabe ist, das immer wieder einzufordern und zu erläutern, wo es Probleme gibt. Ich denke, dass auf die europäischen Mitgliedsstaaten jetzt noch mehr Verantwortung zukommt, weil sich die USA ja zumindest finanziell völlig zurückgenommen haben. Wir hatten noch in diesem Frühjahr mit Geldern von USAID gerechnet, die nicht gekommen sind. Das Loch muss erst mal wieder gestopft werden. Wir erwarten im Sommer eine Zahlung von der Europäischen Union, die ein bisschen weiterhilft. Aber langfristig wird das sicherlich ein Problem werden, wenn die Zahlungen der USA fehlen. Sie fehlen nicht nur für die Krankenhäuser, sondern insgesamt für die ganze Region, für israelische Organisationen, Friedensprojekte, landwirtschaftliche Projekte, für Bildung und Gesundheit. Das wird ein großes Armutsproblem für die Palästinenser werden.

Arbeitet der Lutherischer Weltbund neben dem Krankenhaus auch in anderen Bereichen?

Der Lutherische Weltbund betreibt schon lange ein Berufsschulzentrum, in dem mehrere hundert Jugendliche im Jahr in Ramallah und Beit Hanina ausgebildet werden. Die Lehre zielt auf Berufe ab, die sehr gefragt sind und gute Chancen bieten, beispielsweise in den Bereichen Automechanik, Smart-Home-Technologien und Sanitärtechnik. Das ist etwas, was große Freude macht, denn wir bilden hier Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren für die Zukunft aus, sowohl junge Männer als auch junge Frauen. Es ist auch ein Projekt geplant, mit dem bezahlbarer Wohnraum für palästinensische Christen geschaffen werden soll, in Kooperation mit der ELCJHL. Wir hoffen, in diesem Jahr eine Baugenehmigung in Beit Hanina zu bekommen. Es ist ein sehr langer Prozess, aber ich denke, dass es für die Kirche hier sehr wichtig ist. Denn bezahlbarer Wohnraum, den braucht jeder, der eine Familie gründen möchte. Auch für alte Menschen ist das wichtig. Jerusalem ist eine sehr, sehr teure Stadt.

Sieglinde Weinbrenner ist die Vertreterin des Lutherischen Weltbundes in Jerusalem.
Dr. Simon Kuntze ist Nahost-Referent des Berliner Missionswerkes.