Ein Nachruf auf Jürgen Wehrmann

Jürgen Wehrmann, ein älterer Mann mit silbernen Haaren, bekleidet mit grauem Sakko, blauem Pullover und offenem Hemd, steht vor einer Wand aus Klinkersteinen.

11.02.2026 | Am 3. Februar 2026 ist Jürgen Wehrmann gestorben, knapp zwei Wochen vor dem 173. Jahresfest des Jerusalemsvereins. Etwa ein Drittel der Jahre, die es den Jerusalemsverein gibt, war Jürgen Mitglied und jahrzehntelang Vorstandsmitglied. Und mir kommt es so vor, dass er in diesen Jahren kein Jahresfest verpasst hat. In meiner Erinnerung war Jürgen immer da – und wie er da war, wenn er da war: uneingeschränkt zugewandt und engagiert, mit Leidenschaft den Menschen aus dem Land der Bibel verbunden, überhaupt höchst interessiert an den Menschen, denen er begegnete.

Geistlich in Jerusalem geboren

Jerusalem, die Orte und Landschaften des Landes Palästina und Israel, die Menschen dort, ihre Geschichte und Traditionen, die Herausforderungen, mit denen sie zu tun haben, die Gemeinden und Schulen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, aber auch die ökumenischen, politischen und interreligiösen Bezüge, das war Jürgen Wehrmanns Welt.

Am 3. Juli 1941 in Berlin geboren, wuchs Jürgen Wehrmann im Evangelischen Johannesstift in Berlin-Spandau auf. Sein Vater wirkte dort als Diakon. Hier haben sich ihm die von der unvergesslichen Christine Bourbeck im Kindergottesdienst „mitreißend lebendig erzählten Bibelgeschichten fürs Leben eingeprägt“ (Jürgen Wehrmann, Seht der Mensch. Predigten in Jerusalem und in Berlin aus den Jahren 1981-2004, Berlin 2007, 5). Zum Studium der evangelischen Theologie ging er zunächst nach Heidelberg. Dort beeindruckte ihn der sorgfältige und respektvolle Umgang mit den biblischen Texten, besonders bei dem Alttestamentler Gerhard von Rad, der bekanntlich seine Aufgabe als akademischer Lehrer darin gesehen hat „lesen zu lernen und lesen zu lehren“. Es schloss sich eine Studienzeit in Ohio (USA) an. Hier lernte Jürgen Wehrmann seine spätere Frau Karen kennen. Er schloss sein Studium in Berlin ab.

Aber schon als Student unterbrach er sein Studium, um 1964/65 ein Jahr im Jungeninternat in Beit Jala mitzuarbeiten. Damals lebte dort u. a. der 17-jährige Sliman Mansour im Internat, heute einer der bedeutendsten palästinensischen Künstler. Jürgen Wehrmann gewinnt einen einmaligen Einblick in die palästinensische Situation und Kultur. Damals gehörten die Westbank und Ostjerusalem noch zu Jordanien, abgeriegelt vom Staat Israel.

Sein Vikariat führt ihn 1970 wiederum nach Jerusalem. Da hatte Israel im sogenannten Sechs-Tage-Krieg 1967 Westbank und Ostjerusalem erobert und besetzt. Jürgen Wehrmann lernte nun das vereinte und doch getrennte Jerusalem kennen. Danach wurde er von 1972–1979 Pfarrer in Berlin-Kreuzberg und schließlich von 1979–1985 Propst an der Erlöserkirche in der Altstadt Jerusalems. Der zu Beginn seiner Amtszeit mit 38 Jahren noch junge Propst eroberte die Herzen der Gemeindeglieder durch viele Besuche und Gespräche und eindrückliche Predigten. Er lernte das Land immer wieder neu und immer wieder neue Regionen dadurch kennen, dass er viel zu Fuß unterwegs war. Mit Bruce Schein lief er zum etwa 30 Kilometer von Jerusalem gelegenen vormaligem arabischen Dorf Amwas bei Latroun und zurück. Er wollte erkunden, ob man wirklich diesen Weg an einem Tag in beiden Richtungen zurücklegen kann, wie es die Emmausjünger getan haben müssen, wenn dieser Ort das biblische Emmaus gewesen ist. – Man kann es.

Besuchern aus den in diesen Jahren zahlenmäßig stark zunehmenden Reisegruppen war eindrücklich, wie differenziert „der Propst“ auf die Menschen, auf die Schätze der jüdischen Überlieferung und die Probleme des Staates Israel schauen konnte und wie einfühlsam er die Nöte der Palästinenser beschreiben konnte. Er konnte sich freuen an den Errungenschaften der einfachen palästinensischen Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung und künstliche Düngung. Stereotype und Schubladen waren Jürgen Wehrmann ein Grauen. Er wusste, dass es keine einfachen politischen Lösungen geben konnte. Aber er wurde leidenschaftlich, wenn Menschen Unrecht angetan wurde.

Jerusalem ließ Jürgen Wehrmann nicht mehr los. In den 21 Jahren als Pfarrer der Gustav-Adolf-Gemeinde in Berlin-Charlottenburg zehrte er von den Jerusalemer Erfahrungen und konnte sie in sein ehrenamtliches Wirken für den Jerusalemsverein, im Kuratorium der Jerusalemsstiftung und im Verwaltungsrat des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes einbringen. Sein leidenschaftliches Engagement in diesen Gremien war stets inspirierend. Ein Pfarrer, auch Vorstandsmitglied im Jerusalemsverein schrieb ihm einmal dazu: „Das hat mir viel Kraft gegeben. Man spürt, wie Ihre Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern im Heiligen Land so stark ist; dem Land, wo alles einmal losging, was unser Denken und unseren Glauben ausmacht.“

Im Jahr 2006 war Jürgen Wehrmann dann noch einmal, kommissarisch Propst in Jerusalem.

Landschaft, Licht, Klima und Wasser des Heiligen Landes waren Jürgen Wehrmanns Lebenselixier. Er konnte sogar von den Erfahrungen mit Wasser im Land der Bibel ausdrücken, was ihm Gott bedeutete:

Das Lebenselement, aus dem ich vor allem gemacht bin.
Das Lebenselixier, ohne das ich nicht sein kann.
Die klare, nie versiegende Quelle, aus der ich trinke.
Die unergründliche, unkontrollierbare, mitreißende Kraft, derer ich niemals Herr werden kann.
Wonach ich mich am tiefsten sehne, um nicht zu verdursten,
wer das Chaos der Fluten, die über mich hereinbrechen, bändigt,
wer mich aus allem, was mich wie ein Sog runterzieht, herausreißt ins Freie,
wer mir die Augen öffnet für das „frische Wasser“, an dem ich Ruhe finde,
ist GOTT für mich.

In Psalm 87 finden wir eine einmalige und nachdenkenswerte Aussage, nach der eigentlich alle Menschen in Jerusalem geboren sind: „Man wird von Zion sagen: Ein jeder ist dort geboren“. Wer Jürgen Wehrmanns Leben betrachtet, der versteht sofort, was damit gemeint ist. Geistlich war Jürgen Wehrmann in Jerusalem geboren. Im himmlischen Jerusalem darf er nun schauen, was er geglaubt hat.

Mit seinem Tod am 3. Februar 2026 haben wir auf Erden einen Freund des Landes der Bibel, seiner Menschen und des Wortes Gottes, das er lebenslang mit großer Freude gepredigt hat, verloren. Ich habe ihn als einen Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden erlebt. Auf Erden hinterlässt er seine Frau Karen, seine beiden Kinder mit ihren Partnern und drei Enkelkinder.

Bischof i.R. Dr. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald)
Der Autor war 1980/81 Vikar bei Jürgen Wehrmann in Jerusalem.

Gewalt in Birzeit: Siedler verletzten Angehörige christlicher Famile, israelisches Militär stürmt Uni-Campus

Birzeit: auf einem grünen Straßenschild steht in weißer Schrift der Ortsname in hebräischer, arabischer und lateinischer Schrift mit einem Pfeil nach rechts

30.01.2026 | In den ersten Wochen des Jahres 2026 setzen sich die gewaltsamen Übergriffe radikaler Siedler und des israelischen Militärs auf die palästinensische Zivilbevölkerung fort.

Am 24. Januar 2026 drangen in Birzeit, einem Ort nördlich von Ramallah, der durch seine Universität bekannt ist, gewaltbereite israelische Siedler mit ihren Schafen ein. Sie weideten die Schafe auf palästinensischen Feldern und richteten Schäden an Olivenbäumen an. Dabei randalierten sie und warfen Steine auf ein Haus. Eine 62-jährige Einheimische wurde zu Boden gerissen, als sie die Siedler zur Rede stellen wollte. Laut ihrer Tochter hob einer der Siedler einen großen Stein auf und warf ihn auf ihren Kopf, während sie hilflos am Boden lag.

Die Frau wurde mit einer schweren Kopfverletzung auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert. Nach dem Angriff auf die Frau eilten zwei Söhne ihr zu Hilfe. Einer warf mit Steinen, um die Familie zu verteidigen. Bei der Auseinandersetzung wurden die Söhne und einer der Siedler verletzt. Als israelische Soldaten am Tatort eintrafen, stürmten sie das Haus der palästinensischen Familie, verhafteten die beiden Söhne und zwei Cousins. Als weitere Einwohner des Dorfes versuchten einzugreifen, um die Opfer zu schützen, setzten die israelischen Streitkräfte Tränengas ein. Die Siedler wurden laufen gelassen.

„Das ist nicht der erste Angriff“, sagte die Tochter der schwer verletzten Frau. „Sie bringen regelmäßig ihre Schafe hierher, um uns zu schikanieren und uns zu zwingen, zu gehen … Egal, was sie tun, wir werden unser Land nicht aufgeben.“

Bischof Haddad: „Wir werden weiterhin unsere Stimme gegen Unterdrückung erheben.“

In einer Stellungnahme verurteilte Dr. Imad Hadad, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL), den Angriff und forderte, die Zivilbevölkerung müsse vor solcher Gewalt geschützt werden:

„Als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land verurteile ich diesen schändlichen Angriff aufs Schärfste. Unsere Kirche hat zu ihrem tiefen Bedauern erfahren, dass die Frau, die angegriffen und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sowie ihr Sohn, der wegen der Verteidigung seiner Mutter verhaftet wurde, die Mutter und der Bruder einer Lehrerin an der Evangelisch-Lutherischen Schule der Hoffnung in Ramallah sind.

Während des Angriffs entwurzelten Siedler auch Bäume auf Grundstücken von Familien, die zu unserer Kirchengemeinde in Ramallah gehören.

Wir stehen mit unseren Gebeten in Solidarität hinter den Familien, der Schulgemeinschaft und allen, die von dieser schweren Ungerechtigkeit gegenüber menschlichem Leben und unserer Umwelt betroffen sind. Wir beten für die vollständige und schnelle Genesung der verletzten Frau und fordern die sofortige Freilassung ihres Sohnes … Diese Verletzungen der Sicherheit und der Menschenrechte der Palästinenser müssen ein Ende haben. Wir fordern Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung, ein Ende der Kultur der Straflosigkeit und eine echte Strafverfolgung derjenigen, die Gewalt ausüben und ermöglichen. Als Kirche bekräftigen wir unser Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Würde jedes Menschen, und wir werden weiterhin an der Seite der Opfer stehen und unsere Stimme gegen Unterdrückung erheben.“

Christen in Palästina vermehrt Opfer von Gewalt

41 Angriffe auf Christen verzeichnete das Palestinian Presidential Higher Committee for Church Affairs im ersten Quartal 2025, im zweiten Quartal 69, darunter Vandalismus, Anspucken, körperliche Gewalt und die Schändung von Heiligen Stätten. So war das nordöstlich von Ramallah gelegene Taybeh Schauplatz solcher mutmaßlich gezielt gegen Christen gerichteter Angriffe.

Bildung im Fadenkreuz: Israelisches Militär stürmt Universität von Birzeit

Am 6. Januar wurde die Universität Birzeit, eine der bedeutendsten und renommiertesten palästinensischen Bildungseinrichtungen, von einem Einsatz des israelischen Militärs erschüttert. Die Soldaten rammten das Eingangsportal ein, drangen auf das Universitätsgelände vor und setzten dabei Gummigeschosse, Blend- und Rauchgranaten sowie scharfe Munition ein. Dabei wurden mindestens 41 Studierende verletzt einige von ihnen mussten mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Laut israelischen Quellen versuchte das Militär durch den Einsatz, „eine Veranstaltung zur Unterstützung des Terrorismus” zu verhindern. Damit ist mutmaßlich eine gewaltfreie studentische Solidaritätsaktion zur Unterstützung palästinensischer politischer Gefangener gemeint. Im Rahmen dieser Aktion sollte auch der Film „The Voice of Hind Rajab“ gezeigt werden, der den tragischen Tod der fünfjährigen Hind Rajab im Januar 2024 in Gaza dokumentiert.

Der militärische Angriff am 6. Januar auf die Universität in Birzeit war bereits der 26. Einsatz israelischer Soldaten auf dem Universitätsgelände seit 2002. Auch an anderen palästinensischen Universitäten und Hochschulen sind Razzien an der Tagesordnung. Laut dem Ministerium für Bildung und Hochschulwesen der Palästinensischen Autonomiebehörde hat das israelische Militär zwischen Oktober 2023 und Dezember 2025 im Westjordanland 37 Universitätsstudenten getötet und 259 weitere verletzt. Es nahm 463 Studierende fest, darunter 148 von der Birzeit-Universität, sowie 27 Hochschulmitarbeitende. Die meisten der Gefangenen befinden sich in Verwaltungshaft, ohne Gerichtsverfahren oder Anklage.

UN-Menschenrechtsexperten: das Recht auf Bildung wird untergraben

„Razzien, Verhaftungen, Einschüchterungen und die Kriminalisierung des Studentenlebens sind Mittel, mit denen das Recht auf Bildung untergraben wird, indem palästinensische Institutionen in ihrem Kern angegriffen werden“, kommentierte eine Gruppe vom UN-Menschenrechtsexperten den Vorfall an Birzeit. „Das Ziel ist es, zu destabilisieren“, sagten sie. „Es geht darum, den Palästinensern jedes Gefühl von Normalität zu nehmen und Räume zu zerstören, die kritisches Denken, politisches Bewusstsein und kollektive Identität fördern. Universitäten sind genau deshalb das Ziel, weil sie das soziale und nationale Leben der Palästinenser aufrechterhalten.“

Aktualisiert am 06.02.2026

Quellen und Links:

Statement from Bishop Dr. Imad Haddad on Israeli Settler Attack in Birzeit
ELCJHL, 26.01.2026

Jewish settlers attack Christian family in the West Bank, and the Israeli army arrests… the Christians! ZENIT, 27.01.2026

Israel’s continuous assaults on Birzeit University are an attack on education itself: UN experts
United Nations/The Office of the High Commissioner for Human Rights, 22.01.2026

MESA Board joint letter with CAF regarding Israel’s assaults on Palestinian universities and targeting academic sector
Middle East Studies Association of North America, 14.01.2026

Foto: Ameen (CC BY-SA 4.0)

Bischof Azar – ein Mann der leisen Worte geht in den Ruhestand

Bischof Azar sitzt auf einem Sessel auf einer Bühne. Um ihn herum stehen ein gutes Dutzend Personen mittleren Alters. Einige sind als Geistliche zu erkennen.

29.01.2026 | Mit der Einführung von Bischof Haddad ist Bischof Dr. Ibrahim Azar in den Ruhestand gegangen. Er leitete die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) seit 2018. Ihn hat eine enge Verbundenheit mit Partnern in Deutschland wie dem Jerusalemsverein und dem Berliner Missionswerk geprägt. Besonders verdient gemacht hat er sich um den Aufbau der diakonischen Arbeit seiner Kirche.  

Abschiedsfeier in Talitha Kumi

Am 9. Januar 2026 hatten wir die Ehre und Freude als Delegation des Jerusalemsvereins an der Verabschiedung von Bischof Dr. Ibrahim Azar teilzunehmen. Nicht in der Erlöserkirche in Jerusalem fand das bedeutende Ereignis statt, sondern in Beit Jala, auf dem halben Weg nach Bethlehem. Der Bischof hatte Talitha Kumi als Ort für seinen Abschied gewählt. Das war kein Zufall. Im damaligen Jungen-Internat der lutherischen Kirche in Beit Jala ging Ibrahim zur Schule. Das Leben der Kaiserswerther Diakonissen, die Talitha Kumi einst als Mädchenschule gegründet haben, waren für den Lebensweg des späteren Bischofs prägend. Auch wenn Talitha an diesem Abend aus allen Nähten platzte angesichts der unzähligen Gäste, die zur Verabschiedung kamen, passte dieser Ort bestens zur Person des scheidenden Bischofs. Die Vielfalt der Kirchendelegationen aus aller Welt und die Breite, in der die lokalen Gemeinden mitgefeiert haben, zeigten die große Wertschätzung, die sich Ibrahim Azar durch seine Amtszeit hindurch erworben hat.

Für uns im Jerusalemsverein, war er stets Barhum – ein Kosename für Ibrahim. Dass wir ihn so nannten und nennen, zeigt die Vertrautheit und seine unkomplizierte, niederschwellige Art, mit der er uns begegnete. Schon in den Jahren ab 2012, als ich Propst an der Erlöserkirche war und Barhum der Jerusalemer Gemeindepfarrer, schätzte ich seine freundliche, immer hilfsbereite und geschwisterlich zugewandte Art. Er ist kein Mann der großen Worte oder der spektakulären Auftritte. Er ist ein Mann der leisen Worte, bei dem man genau hinhören muss. Seine Bescheidenheit strahlt eine große Glaubwürdigkeit aus und sein Humor hat oft genug den Ernst der Dinge heilsam aufgebrochen.

Immer die Menschen im Blick

Barhum habe ich als Seelsorger seiner Kirche erlebt. Gewiss hat angesichts der prekären Situation Palästinas mancher sich vor Ort mehr prophetisches Reden von seinem Bischof gewünscht. Er hatte immer die Menschen in den Gemeinden im Blick, wollte ihnen nahe sein und ihren Zusammenhalt stärken. Das zeigte sich auch in der Initiative des Bischofs zum Aufbau einer diakonischen Arbeit innerhalb der Kirche, die es zuvor in dieser strukturierten Weise nicht gegeben hat. Mit der Einrichtung einer Diakoniestation in Beit Jala konnte die ELCJHL gerade in den schweren Zeiten nach dem 7. Oktober 2023 viele Familien und Einzelne in ökonomischen und sozialen Notlagen unterstützen und damit den Geist Jesu in die Gesellschaft tragen. So hat die diakonische Tradition, die mit der protestantischen Mission im Heiligen Land im 19. Jahrhundert begonnen hat und in der Barhum selbst groß geworden ist, durch sein Wirken als Bischof einen Neubeginn erfahren. Dies hat die Glaubwürdigkeit der Kirche gestärkt und Menschen in Not geholfen.  

Seit er als junger Mann in München Theologie studiert hat, ist Barhum nicht nur glühender Anhänger des FC Bayern, sondern spricht auch fließend Deutsch. Er ist mit der deutschen Kultur und dem deutschen Protestantismus, der ja eng mit der Geschichte seiner Kirche verknüpft ist, bestens vertraut. Diese geschichtliche Verbindung hat uns Barhum immer wieder in Erinnerung gerufen. Mit Blick auf den Jerusalemsverein sagte er einmal: „Es gibt kein ‚Wir‘ und ‚Ihr‘. Es gibt nur ein Wir.“ Für diese Haltung danken wir Ibrahim Azar von Herzen – insbesondere heute, wo sich viele Kirchen in Deutschland scheuen, ihre Verbundenheit mit den palästinensischen Christen öffentlich zu zeigen. Wir danken ihm für diese Haltung und für sein unermüdliches Bemühen, diese Verbundenheit in der Beziehung zwischen dem Jerusalemsverein und der ELCJHL immer wieder mit Leben zu füllen. Als Jerusalemsverein stehen wir seit fast 175 Jahren an der Seite der lutherischen Christen in Palästina. So wird es auch in Zukunft bleiben.

Wolfgang Schmidt
Vorsitzender des Jerusalemsvereins

Foto: Bischof Azar bei der Abschiedsfeier in Talitha Kumi, umgeben von Mitarbeitenden der ELCJHL, © ELCJHL

Imad Haddad ist neuer Bischof der ELCJHL

Der neue Bischof der ELCJHL, Imad Haddad, rechts mit Bischofsstab und -kreuz. Er trägt ein weiß-rotes Ornat und eine Bischofsmütze. Links: Vorgänger Ibrahim Azar im rot-weiß-goldenen Ornat und einer rot-goldenen Mütze.

17.01.2026 | Der neue Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land (ELCJHL), Dr. Imad Haddad, wurde am 11. Januar 2026 in der Jerusalemer Erlöserkirche in sein Amt eingeführt.

Vertreterinnen und Vertreter der ELCJHL, der lokalen Ökumene und internationale Gäste zogen nach einer feierlichen Prozession durch die Jerusalemer Altstadt, begleitet durch Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit Trommeln und Dudlesäcken, in die Kirche ein. Im Gottesdienst gab der scheidende Bischof Dr. Sani Ibrahim Azar den Bischofsstab an seinen Nachfolger weiter, begleitet von lang anhaltendem Applaus der Mitwirkenden und der Gottesdienstbesucher.

In seiner Predigt sprach Bischof Haddad über den Schmerz, den die Menschen in der gesamten Region und darüber hinaus derzeit durchleben. „Wir dürfen nicht die Augen verschließen vor der Ungerechtigkeit, unter der unser Land leidet, und wir dürfen auch nicht den Schmerz und das Leid vergessen, den und das all jene in sich tragen, die aufgrund der Grausamkeit der Menschen, aufgrund von Hass und von gegenseitiger Ablehnung gelitten haben und immer noch leiden … und trotzdem sind wir weiterhin überzeugt, dass wir gerade in dieser düsteren Zeit aufgerufen sind, in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu leben“, betonte er.   

Gäste aus der Ökumene gratulierten Bischof Haddad

Zu den zahlreichen Gästen aus Partnerkirchen und -organisationen der ELCJHL, die Haddad zu seinem Amtsantritt gratulierten, zählten eine Delegation des Jerusalemsvereins mit dem Vorsitzenden Wolfgang Schmidt, der Direktor des Berliner Missionswerkes, Dr. Ulrich Schöntube, Generalsuperintendentin Theresa Rinecker (EKBO), Ralf Meister, leitender Bischof der VELKD, sowie Kristina Kühnbaum-Schmidt, Landesbischöfin der Nordkirche.

Wolfgang Schmidt betonte nach dem Gottesdienst: „Die große Zahl internationaler Gäste zeigt die hohe Bedeutung, die diese lokale Kirche im Heiligen Land für die weltweite Ökumene hat. Der neue Bischof hat angesichts der bedrückenden politischen Umstände eine große Verantwortung, bei der er auf unsere Unterstützung zählen kann.“

„Dr. Hadad war Jugendpfarrer von Sally Azar, der ersten Pfarrerin unserer Partnerkirche. Sie hat immer in den wärmsten Worten von ihm gesprochen, als sie. Ich freue mich sehr ihn jetzt auch persönlich kennen zu lernen“, sagte Dr. Schöntube, in dessen Zeit als Gemeindepfarrer in Berlin-Frohnau Sally Azar ihr Vikariat absolvierte.

Landesbischof Ralf Meister, gratulierte dem neuen Kirchenoberhaupt: „Ich wünsche Imad Haddad einen wachen Geist und ein weites Herz, um in einem schwierigen Umfeld das ‚Amt der Versöhnung‘ auszufüllen, von dem im zweiten Korintherbrief (5,18) die Rede ist. Es ist eine faszinierende und herausfordernde Aufgabe zugleich, in der Nähe der Wirkungsstätten Jesu über Landesgrenzen und Nationalitäten hinweg eine lutherische Gemeinde zusammenzuhalten.“

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, die auch Vorsitzende des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (LWB) ist, würdigte die Größe der Aufgaben, denen sich Haddad stellt: „Ich wünsche dem neuen Bischof, dass er in unruhigen Zeiten eine Quelle der Hoffnung für alle verunsicherten und leidenden Menschen in der Region sein kann. Die ELCJHL und der LWB stehen mit ihrer diakonischen Arbeit in Jerusalem, dem Westjordanland und auch im Gaza-Streifen Seite an Seite in der Hilfe für Menschen in Not.“

Für die Gemeinschaft der lutherischen Kirchen sprach LWB-Generalsekretärin Dr. Anne Burghardt Haddad zu: „Bitte vergessen Sie vor allem eines nicht: Sie sind nicht allein. Sie sind nicht allein in Ihrem Wirken, nicht allein in Ihrem Zeugnis, Sie müssen nicht allein auf sich gestellt Hoffnung verbreiten, wenn Hoffnung vergeblich scheint.“

Bischof Azar verabschiedet

Haddad folgt im Bischofsamt auf Dr. Sani Ibrahim Azar, der die ELCJHL seit 2018 geleitet hat. Bei dessen Abschiedsgottesdienst in der Kapelle des Schulzentrums Talitha Kumi sprach Generalsuperintendentin Theresa Rinecker ein Grußwort, dass unter dem Bibelvers Jesaja 60,4 stand: „Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir“. Rinecker erinnerte an den Weitblick, mit dem Azar über viele Jahre hinweg Menschen, Gemeinden und Kirchen miteinander verbunden hat – in Jerusalem, im Heiligen Land, in Jordanien und weit darüber hinaus. Durch seinen Dienst wurde Kirche als Beziehung erlebbar: durch gelebte Partnerschaft, durch gegenseitiges Lernen und durch Vertrauen über Grenzen hinweg.

Bischof Haddad: engagiert in der Ökumene und im interreligiösen Dialog

Dr. Imad Haddad wurde von der Synode der ELCJHL am 27. Juni 2025 zum neuen Bischof der Evangelisch-lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land gewählt. Er ist in Beit Jala aufgewachsen und studierte Theologie in Beirut sowie in Columbia (USA/South Carolina). Im Jahr 2008 wurde er ordiniert und war zunächst Pfarrer in Beit Sahour und in Ramallah. 2020 wechselte er nach Amman. Im Mai 2025 erhielt Haddad die Doktorwürde vom United Lutheran Seminary in Gettysburg/Philadelphia, USA. Der interreligiöse Dialog und die ökumenische Zusammenarbeit liegen ihm besonders am Herzen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Bethlehem: Israelische Behörde will Fußballplatz im Flüchtlingscamp Aida abreißen

Eingang zum Aida Flüchtlingslager in Bethlehem. Auf einer Mauer steht geschrieben: Welcome to Aida Camp - 1948. Foto: Mrbrefast (CC BY-SA 3.0)

08.01.2026 | Im Dezember 2025 sperrte die israelische COGAT-Behörde den beliebten Fußballplatz des dicht besiedelten Aida-Flüchtlingscamps in Bethlehem ab und hinterließ eine Abrissverordnung.

Der Fußballplatz liegt direkt an der Mauer, die Bethlehem und Ostjerusalem trennt. Auf dem 50 mal 30 Meter großen Feld trainieren regelmäßig etwa 500 Kinder und Jugendliche. Es ermöglicht eine der sehr begrenzten Sportaktivitäten, die hier möglich sind. Die für zivile Angelegenheiten in den Palästinensischen Gebieten verantwortliche Militärbehörde COGAT behauptet, dass das Fußballfeld illegal errichtet wurde. Der ehemalige Bürgermeister von Bethlehem, Anton Salman, betont hingegen gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP, dass die Stadt das Gelände von der Armenischen Kirche für die Nutzung durch das Aida-Flüchtlingscamp gepachtet hat. Ein Ratsmitglied des Flüchtlingslagers, in dem mehr als 7.000 Menschen auf engem Raum leben, sagt, der Fußballplatz sei der einzige Raum zum Durchatmen im Camp.

Das Aida-Camp im Norden Bethlehems gehört zu den Flüchtlingslagern, die nach dem Palästinakrieg (1947–1949) und der israelischen Staatsgründung für die etwa 750.000 vertriebenen oder geflohenen Palästinenser errichtet wurden. Diese Lager bestehen bis heute, da der Flüchtlingsstatus vererbt wird. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) betreut die Flüchtlinge in den Lagern und betreibt Schulen, Krankenhäuser sowie soziale Dienste.

Quelle:
Bethlehem camp’s ‚lifeline‘ football field faces Israeli demolition
Radio France Internationale (RFI), 19.12.2025

Foto: Eingang zum Aida-Flüchtlingscamp – Mrbrefast (CC BY-SA 3.0)

Unterstützen Sie palästinensische Christinnen und Christen im Heiligen Land

Abendmahl in der Reformationskirche Ramallah: der Pfarrer in einer weißen Albe mit einer grünen Stola hält einen Teller mit vielen Brotstücken. Er bekreuzigt einen Jungen. Daneben stehen zwei ältere Männer, und ein Mädchen im roten Shirt.

08.01.2026 | In diesen Tagen, in denen die Welt von Konflikten und Unsicherheit geprägt ist, gibt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL) den evangelischen Christinnen und Christen Halt und Hoffnung. Im Westjordanland, in Ost-Jerusalem und Jordanien schafft sie Gemeinschaft, wo Isolation herrscht, und setzt sich mit Wort und Tat für Frieden und Gerechtigkeit ein.

Die ELCJHL vernetzt in ihren Gemeinden alte Menschen, Frauen, Jugendliche sowie Gehörlose. Sie organisiert Ausflüge, Freizeitaktivitäten und Fortbildungen. Dadurch werden der Zusammenhalt der weit verstreuten Gemeinden gestärkt und immer wieder mutige Zeichen für Verständigung und Menschlichkeit gesetzt. In der von Arbeitslosigkeit und finanzieller Unsicherheit geprägten Situation in Palästina leistet die sehr engagierte Diakonieabteilung der Kirche unbürokratische und konkrete Hilfe für Familien und Menschen, die in Not geraten sind.

Unsere Schwestern und Brüder in Jerusalem, Bethlehem, Beit Jala, Beit Sahour, Ramallah und Amman brauchen unsere Solidarität, wie alle Menschen in der Region, in der unser Glaube seinen Ursprung hat.

Helfen Sie mit Ihrer Spende, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land weiterhin Hoffnung schenken kann – durch Gemeinschaft, Unterstützung und im Sinne der biblischen Botschaft von Versöhnung.

Spendenkonto
Jerusalemsverein e.V.
Evangelische Bank
IBAN DE66 5206 0410 0003 9097 60
Kennwort: Christen im Heiligen Land