30.01.2026 | In den ersten Wochen des Jahres 2026 setzen sich die gewaltsamen Übergriffe radikaler Siedler und des israelischen Militärs auf die palästinensische Zivilbevölkerung fort.
Am 24. Januar 2026 drangen in Birzeit, einem Ort nördlich von Ramallah, der durch seine Universität bekannt ist, gewaltbereite israelische Siedler mit ihren Schafen ein. Sie weideten die Schafe auf palästinensischen Feldern und richteten Schäden an Olivenbäumen an. Dabei randalierten sie und warfen Steine auf ein Haus. Eine 62-jährige Einheimische wurde zu Boden gerissen, als sie die Siedler zur Rede stellen wollte. Laut ihrer Tochter hob einer der Siedler einen großen Stein auf und warf ihn auf ihren Kopf, während sie hilflos am Boden lag. Die Frau wurde mit einer schweren Kopfverletzung auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert. Die Gewalt eskalierte weiter, als zwei Söhne der Frau ihr zu Hilfe eilten. Dabei wurden sie und einer der Siedler verletzt. Als israelische Soldaten am Tatort eintrafen, stürmten sie das Haus der palästinensischen Familie, verhafteten die beiden Söhne und zwei Cousins. Als weitere Einwohner des Dorfes versuchten einzugreifen, um die Opfer zu schützen, setzten die israelischen Streitkräfte Tränengas ein. Die Siedler wurden laufen gelassen.
„Das ist nicht der erste Angriff“, sagte die Tochter der schwer verletzten Frau. „Sie bringen regelmäßig ihre Schafe hierher, um uns zu schikanieren und uns zu zwingen, zu gehen … Egal, was sie tun, wir werden unser Land nicht aufgeben.“
Bischof Haddad: „Wir werden weiterhin unsere Stimme gegen Unterdrückung erheben.“
In einer Stellungnahme verurteilte Dr. Imad Hadad, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL), den Angriff und forderte, die Zivilbevölkerung müsse vor solcher Gewalt geschützt werden:
„Als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land verurteile ich diesen schändlichen Angriff aufs Schärfste. Unsere Kirche hat zu ihrem tiefen Bedauern erfahren, dass die Frau, die angegriffen und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sowie ihr Sohn, der wegen der Verteidigung seiner Mutter verhaftet wurde, die Mutter und der Bruder eines Lehrers an der Evangelisch-Lutherischen Schule der Hoffnung in Ramallah sind. Während des Angriffs entwurzelten Siedler auch Bäume auf Grundstücken von Familien, die zu unserer Kirchengemeinde in Ramallah gehören. Wir stehen mit unseren Gebeten in Solidarität hinter den Familien, der Schulgemeinschaft und allen, die von dieser schweren Ungerechtigkeit gegenüber menschlichem Leben und unserer Umwelt betroffen sind. Wir beten für die vollständige und schnelle Genesung der verletzten Frau und fordern die sofortige Freilassung ihres Sohnes … Diese Verletzungen der Sicherheit und der Menschenrechte der Palästinenser müssen ein Ende haben. Wir fordern Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung, ein Ende der Kultur der Straflosigkeit und eine echte Strafverfolgung derjenigen, die Gewalt ausüben und ermöglichen. Als Kirche bekräftigen wir unser Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Würde jedes Menschen, und wir werden weiterhin an der Seite der Opfer stehen und unsere Stimme gegen Unterdrückung erheben.“
Christen in Palästina vermehrt Opfer von Gewalt
41 Angriffe auf Christen verzeichnete das Palestinian Presidential Higher Committee for Church Affairs im ersten Quartal 2025, im zweiten Quartal 69, darunter Vandalismus, Anspucken, körperliche Gewalt und die Schändung von Heiligen Stätten. So war das nordöstlich von Ramallah gelegene Taybeh Schauplatz solcher mutmaßlich gezielt gegen Christen gerichteter Angriffe.
Bildung im Fadenkreuz: Israelisches Militär stürmt Universität von Birzeit
Am 6. Januar wurde die Universität Birzeit, eine der bedeutendsten und renommiertesten palästinensischen Bildungseinrichtungen, von einem Einsatz des israelischen Militärs erschüttert. Die Soldaten rammten das Eingangsportal ein, drangen auf das Universitätsgelände vor und setzten dabei Gummigeschosse, Blend- und Rauchgranaten sowie scharfe Munition ein. Dabei wurden mindestens 41 Studierende verletzt einige von ihnen mussten mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Laut israelischen Quellen versuchte das Militär durch den Einsatz, „eine Veranstaltung zur Unterstützung des Terrorismus” zu verhindern. Damit ist mutmaßlich eine gewaltfreie studentische Solidaritätsaktion zur Unterstützung palästinensischer politischer Gefangener gemeint. Im Rahmen dieser Aktion sollte auch der Film „The Voice of Hind Rajab“ gezeigt werden, der den tragischen Tod der fünfjährigen Hind Rajab im Januar 2024 in Gaza dokumentiert.
Der militärische Angriff am 6. Januar auf die Universität in Birzeit war bereits der 26. Einsatz israelischer Soldaten auf dem Universitätsgelände seit 2002. Auch an anderen palästinensischen Universitäten und Hochschulen sind Razzien an der Tagesordnung. Laut dem Ministerium für Bildung und Hochschulwesen der Palästinensischen Autonomiebehörde hat das israelische Militär zwischen Oktober 2023 und Dezember 2025 im Westjordanland 37 Universitätsstudenten getötet und 259 weitere verletzt. Es nahm 463 Studierende fest, darunter 148 von der Birzeit-Universität, sowie 27 Hochschulmitarbeitende. Die meisten der Gefangenen befinden sich in Verwaltungshaft, ohne Gerichtsverfahren oder Anklage.
„Razzien, Verhaftungen, Einschüchterungen und die Kriminalisierung des Studentenlebens sind Mittel, mit denen das Recht auf Bildung untergraben wird, indem palästinensische Institutionen in ihrem Kern angegriffen werden“, kommentierte eine Gruppe vom UN-Menschenrechtsexperten den Vorfall an Birzeit. „Das Ziel ist es, zu destabilisieren“, sagten sie. „Es geht darum, den Palästinensern jedes Gefühl von Normalität zu nehmen und Räume zu zerstören, die kritisches Denken, politisches Bewusstsein und kollektive Identität fördern. Universitäten sind genau deshalb das Ziel, weil sie das soziale und nationale Leben der Palästinenser aufrechterhalten.“
Quellen und Links:
Statement from Bishop Dr. Imad Haddad on Israeli Settler Attack in Birzeit
ELCJHL, 26.01.2026
Jewish settlers attack Christian family in the West Bank, and the Israeli army arrests… the Christians! ZENIT, 27.01.2026
Israel’s continuous assaults on Birzeit University are an attack on education itself: UN experts
United Nations/The Office of the High Commissioner for Human Rights, 22.01.2026
MESA Board joint letter with CAF regarding Israel’s assaults on Palestinian universities and targeting academic sector
Middle East Studies Association of North America, 14.01.2026
Foto: Ameen (CC BY-SA 4.0)