„Hoffnung aus Jerusalem“ – In diesen Zeiten?

30.04.2026 | „Hope from Jerusalem“ heißt eine Initiative der israelischen Menschenrechtsorganisation Ir Amim (übersetzt „Stadt der Nationen“). Sie hat 13 Prinzipien veröffentlicht, die einen Weg zu einem friedvollen Zusammenleben aller Menschen in Jerusalem aufzeigen. Eine EAPPI-Teilnehmerin verknüpft in einem Bericht die Prinzipien der Friedensinitiative mit eigenen Begegnungen und Beobachtungen.

Prinzip 1: „Unter jedweder politischen Konstellation werden beide Völker (und viele Gruppen unter ihnen) in Jerusalem Seite an Seite leben.

In der Erläuterung zu diesem Grundsatz heißt es, dass eine nachhaltige Lösung für Jerusalem die engen Verbindungen von Palästinenser:innen und Israelis zur Stadt anerkennen und allen Bewohner:innen zugesichert werden muss, dass sie sowohl ihr tägliches Leben als auch ihre öffentlichen, religiösen und politischen Aktivitäten Seite an Seite und frei von Angst in einer unabhängigen und gleichberechtigten Weise (durch)führen können.

Dass dieses erste Prinzip so formuliert wird, zeigt, dass Ungleichheit im Zusammenleben in Jerusalem existiert. Wirkliche Veränderung muss bedeuten, dass die Rechte aller Menschen in der Stadt respektiert und gewahrt werden. Das erfordert und setzt die Wahrnehmung und Wertschätzung des jeweils Anderen und den Respekt vor der Existenz und dem Wohnort des jeweils Anderen voraus.

Mir sind in Jerusalem Menschen begegnet, die anerkennen, dass die jeweils Anderen bleiben und in Zukunft nicht irgendwo anders wohnen werden. Ich habe auch Menschen gesehen, die sich von der Anwesenheit der Anderen bedroht oder eine lang angestaute Wut fühlen. Ich bin Menschen begegnet, die gerade die angebauten Teile ihres Hauses abreißen mussten, während Siedler:innen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft neue völkerrechtswidrige Siedlungsgebäude mit einer israelischen Fahne auf dem höchsten Punkt des Stadtteils positionieren konnten, um damit deutlich zu markieren: dieses Land gehört uns und nicht Euch.

Die Begegnung mit Menschen aus verschiedenen Gerechtigkeitsinitiativen in Israel und Palästina nährt meine Hoffnung, dass trotz allen Überlegenheitsattitüden, aller Zerstörung und allen Misstrauens, ein Zusammenleben dennoch möglich sein kann:

Eine Israelin und eine Palästinenserin von Combatants for Peace erzählen uns von ihren transformativen Momenten, davon, wie sie dafür offen geworden sind, die Realität der jeweils Anderen und die ungleichen und diskriminierenden Strukturen in der Gesellschaft wahrzunehmen und sich für eine gemeinsame, gleichberechtigte Zukunft einzusetzen.

Der Theologe Daniel Munayer berichtet uns von dem Ansatz „Reconciliation as Co-Resistance“ (Versöhnung als gemeinsamer, gewaltfreier Widerstand), den er mit seiner glaubensbasierten Organisation Musalaha vor dem Hintergrund und als Reaktion auf die verstörende Gewalt und Zerstörung in Gaza und der Westbank entwickelte: Ein Versöhnungsprozess zwischen ungleichen Gruppen, der darauf besteht, dass diese Ungleichheit nicht ignoriert wird, aber dennoch gemeinsam nach Wegen gesucht wird, gegen gewaltvolle Haltungen wie Antisemitismus oder Islamophobie, gegen Gewalt auf den Straßen und strukturelle Gewalt wie die der Besatzung einzustehen, Palästinenser:innen und Israelis gemeinsam. In gemeinsamen Workshops und Seminaren setzt er diesen Ansatz in Jerusalem und in Bethlehem konkret um.

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Foto: Graffiti in Silwan: Hoffnung auf ein neues Jerusalem; © WCC-EAPPI/Dorothee