23.03.2026 | Dekan Olliver Zobel aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wird neuer evangelischer Propst in Jerusalem. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat die Berufung, die das Kuratorium der Evangelischen Jerusalem-Stiftung (EJSt) ausgesprochen hatte, auf seiner jüngsten Sitzung bestätigt. Der 57-jährige Theologe folgt auf Propst Joachim Lenz, der das Propstamt von 2020 an innehatte und Ende Juli 2026 in die Evangelische Kirche im Rheinland zurückkehren wird.
Der in Kassel geborene Zobel war von 2002 bis 2019 Pfarrer in Bingen am Rhein, seit 2019 ist er Dekan des evangelischen Dekanats Ingelheim-Oppenheim. Sein beruflicher Werdegang hat ihn wiederholt nach Jerusalem und ins Heilige Land geführt, als Student, als Vikar an der Evangelischen Erlöserkirche und in der Leitung und Verwaltung der in Latrun bei Jerusalem ansässigen Jesus-Bruderschaft Gnadenthal. Sein Propstamt wird er am 1. Dezember 2026 antreten.
Die Vorsitzende des Kuratoriums der Evangelischen Jerusalemstiftung, Kirchenpräsidentin Susanne Bei der Wieden, hob die aktuell besonders herausgehobene Bedeutung des Propstenamtes in Jerusalem hervor: „Es steht für die verlässliche Präsenz unserer Kirche, für Dialogbereitschaft zwischen Religionen und Kulturen und für das unermüdliche Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit“, so die Kuratoriumsvorsitzende. „Mit der Berufung von Dekan Olliver Zobel zum Evangelischen Propst für Jerusalem hat das Kuratorium der Evangelischen Jerusalemstiftung eine Persönlichkeit gewonnen, die geistliche Tiefe, Leitungserfahrung und internationale Sensibilität in besonderer Weise verbindet“
Auch der Auslandsbischof der EKD, Frank Kopania, unterstrich die mit der Aufgabe verbundene Verantwortung: „In einer Zeit großer Spannungen und Unsicherheiten im Nahen Osten braucht es geistliche Präsenz, seelsorgliche Klarheit und den langen Atem des Dialogs. Ich bin dankbar, dass mit Olliver Zobel ein leitungserfahrener, theologisch profilierter und international versierter Geistlicher diese wichtige Aufgabe übernimmt.“
Christiane Tietz, Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), sagt zu der Berufung: „Mit Olliver Zobel übernimmt ein theologisch profilierter und zugleich seelsorglich erfahrener Pfarrer aus Hessen-Nassau ein herausgehobenes Amt. Seine Verbundenheit mit Jerusalem, seine Leitungserfahrung und seine geistliche Klarheit machen ihn zu einer überzeugenden Besetzung. Ich bedauere, dass er das Dekaneamt verlässt. Aber ich freue mich sehr, dass ein Pfarrer aus der EKHN diese wichtige Brückenfunktion zwischen Kirchen, Kulturen und Religionen übernehmen wird. Ich wünsche ihm für seine Aufgabe im Heiligen Land in einer herausfordernden Zeit gutes Gelingen und Gottes Segen.“
Zobel ist sich „angesichts der aktuellen Ereignisse bewusst, dass ein Großteil meiner Arbeit Fähigkeiten erfordert, die ich als Notfallseelsorger gelernt habe: einfach da sein und Not in all ihren Formen aushalten, ohne den Funken der Hoffnung zu verlieren.“ Er freue sich aber „auch auf die Begegnungsmöglichkeiten in der Ökumene, im monotheistischen Dialog, mit den Menschen im Land und auch den Besuchenden aus Deutschland.“
Die Aufgaben des Propstes in Jerusalem umfassen neben der pastoralen Versorgung der evangelischen Gemeinden Deutscher Sprache in Israel und Palästina auch die Leitung der Stiftungseinrichtungen der EKD in Jerusalem sowie die Repräsentanz der EKD und der Stiftungen gegenüber Kirchen und öffentlichen Einrichtungen im Heiligen Land.
Die vom Parent Circle Families Forum und den Combatants for Peace veranstaltete Gemeinsame Gedenkfeier aus Israel/Palästina wird in Berlin (Filmtheater Colosseum) und anderen Städten am 20. April 2026 live übertragen.
24.02.2026 | Am 15. Februar 2026 feierte der Jerusalemsverein sein 173. Jahresfest in Berlin. Auf dem Festnachmittag im Kaiserin‑Friedrich‑Haus zeigten Stimmen aus Kirche, Schule, Friedensarbeit und Diakonie, wie Menschen im Heiligen Land trotz Bedrohung, Verlust und Unsicherheit Wege der Hoffnung gehen.
„Hoffnung wächst nicht dort, wo kein Leid ist – sondern dort, wo wir uns weigern, dem Leid das letzte Wort zu lassen“, sagte der neue Bischof der ELCJHL, Dr. Imad Haddad, auf dem Jahresfest des Jerusalemsvereins. Die Erfahrung von Leid verbindet viele Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland. Die Ursachen dafür sind zahlreich und reichen von der immer weiter eingeschränkten Bewegungsfreiheit über wirtschaftliche Unsicherheit und Armut bis hin zu massiven Gewalterfahrungen. Zum palästinensischen Alltag gehören Entwürdigungen, Schikanen, Enteignungen, Hausdurchsuchungen und Inhaftierungen. All das droht die Menschen zu zermürben.
Migration ist für palästinensische Christen Normalität
Mit Blick auf die Christinnen und Christen, die eine kleine Minderheit im Heiligen Land sind, betonte Marc Frings in seinem einführenden Vortrag: „Die größte Herausforderung … ist heute die Frage, ob sie überhaupt noch eine Zukunft in ihrer Heimat haben.“ Viele sehen das nicht und migrieren ins Ausland – einer Bewegung folgend, die schon seit über 100 Jahren anhält. Frings spricht von einem „migrantischen Normal“. Er zeichnet die historischen Flucht‑ und Migrationsbewegungen nach: die erste während des Osmanischen Reichs, die zweite im Kontext des Palästinakriegs (1947–49) und der Nakba, die dritte unter der haschemitisch‑jordanischen Herrschaft im Westjordanland, die vierte nach dem Sechstagekrieg und dem Beginn der israelischen Besatzung und die fünfte seit dem Ausbruch der Zweiten Intifada (2000) und der Lähmung des Oslo‑Friedensprozesses.
Marc Frings ist Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und ehemaliger Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ramallah
Die christliche Bevölkerung sei von einst rund elf Prozent auf etwa ein Prozent zurückgegangen. Der kleinen christlichen Minderheit in Palästina steht eine große christlich‑palästinensische Diaspora gegenüber, die Anziehungskraft auf die Verbliebenen ausübt. In einer Studie gibt jeder zweite junge Christ an, über Auswanderung nachzudenken. Zunehmende Hasskriminalität gegen Christinnen und Christen – etwa Siedlergewalt in Taybeh sowie Birzeit – und niedrigschwellige Belästigungen, die insbesondere in Jerusalem inzwischen alltäglich sind, verschärfen den Auswanderungsdruck. Gleichzeitig verweist Frings auf einen Faktor, der die starke Verwurzelung der Christinnen und Christen in Palästina zeigt und ein (kleiner) Hoffnungsaspekt ist: die überproportionale Rolle christlicher Einrichtungen mit mehr als 70 Schulen und rund 300 sozialen Organisationen, die etwa 9.000 Menschen einen Arbeitsplatz bieten.
Der Pianist Albrecht Gündel-vom Hofe sorgte mit seiner meditativen Musik für eine entspannte Atmosphäre.
Der Vorsitzende des Jerusalemsvereins, Wolfgang Schmidt, begrüßte Bischof Haddad mit einem Reise-Bischofsring als Geschenk.
Talitha Kumi: eine Schule als Hoffnungsort
Aus einer dieser Schulen – Talitha Kumi in Beit Jala – nahmen der deutsche Schulleiter Birger Reese und die palästinensische Schulleiterin Laura Bishara über eine Videokonferenz an dem Jahresfest teil. Reese, der seine Schule als „Hoffnungsort“ sieht, berichtete, dass die erfolgreiche Inspektion als Exzellente Deutsche Auslandsschule erneut den hohen Qualitätsstandard von Talitha Kumi bestätigt hat. Wichtig sei ihm auch die Friedenserziehung und die politische Bildung; jüngst diskutierten auf zwei Veranstaltungen die ARD‑Korrespondentin Sophie von der Tann und Christian Meier von der FAZ mit den Schülerinnen und Schülern. „Wir führen offene Gespräche und transportieren damit unsere Vorstellungen von Toleranz, Dialog und Multiperspektivität“, sagte Reese.
Laura Bishara und Birger Reese berichteten über Video aus Beit Jala, wie Talitha Kumi Hoffnung schenkt. Der Vorsitzende des Jerusalemsvereins, Wolfgang Schmidt (rechts), moderierte die Veranstaltung.
Laura Bishara betonte eindrücklich, wie sehr Talitha Kumi dazu beiträgt, die christliche Identität zu stärken, beispielsweise durch die regelmäßigen Andachten. „Talitha ist ein Ort, an dem Christen spüren, dass sie nicht in der Minderheit sind, sondern Einfluss haben und meinungsbildend sein können“, sagte sie. Eine Schülerin berichtete in einem kurzen Testimonial von dem freundschaftlichen Miteinander von christlichen und muslimischen Schülerinnen und Schülern.
Die Diakonie der ELCJHL lässt Menschen in dunklen Zeiten nicht alleine
Rana Zeidan, die Leiterin der Diakonie der ELCJHL, kommt per Video zu Wort. Im Gespräch mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Jerusalemsvereins, Sybille Möller‑Fiedler, stellte sie ihre Arbeit vor, die sie mitten in den Alltag palästinensischer Familien führt: Menschen ohne stabiles Einkommen, Menschen, deren Wohnungen unbeheizt bleiben, deren Medikamente unerschwinglich sind. „Für uns bedeutet Diakonie, Menschen in ihren schwersten Momenten zu begleiten – nicht nur zu helfen, sondern ihre Würde zu schützen.“ Deshalb versorgt die ELCJHL‑Diakonie einmal in der Woche 95 Menschen mit einer gesunden, warmen Mahlzeit, trägt die Kosten für medizinische Hilfe, übernimmt Stromrechnungen und bietet auch psychosoziale Unterstützung sowie Seelsorge an.
Die diakonische Arbeit der ELCJHL - Interview mit Rana Zeidan
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Bei einem neuen Projekt „Kochen bringt Heilung“ kommen Menschen in einer angenehmen Atmosphäre zusammen und tauschen sich beim Kochen über ihre Erfahrungen aus. Zeidan betont, dass diese Arbeit fest im Glauben wurzelt. Sie sagt: „Hoffnung entsteht, wenn wir Menschen in ihrer Dunkelheit nicht allein lassen. Deshalb machen wir weiter – auch wenn alles um uns unsicher ist.“
Die christliche Familie Nassar kämpft mit gewaltlosem Widerstand für ihr Land
Mit Unsicherheit kennt sich die Familie Nassar nur allzu gut aus. Ihre Geschichte, die Daoud Nassar auf dem Jahresfest erzählt, zeigt eindrücklich, welchen Schikanen Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland ausgesetzt sind, wie groß der Vertreibungsdruck ist. Die Nassars betreiben auf einem Hügel südlich von Bethlehem seit mehr als 100 Jahren Landwirtschaft und haben ein bekanntes Friedensprojekt ins Leben gerufen, das Tent of Nations. Aber Siedler wollen auf dem letzten palästinensischen Hügel in der Region eine neue Siedlung gründen. Deshalb versucht die Familie seit mehr als 35 Jahren, ihren Landbesitz von den israelischen Behörden anerkennen zu lassen, damit es nicht zur Enteignung und Vertreibung kommt. Einem ersten Anlauf vor einem Militärgericht in den frühen 1990er‑Jahren folgten unzählige Gerichtsverfahren. Ständig werden neue Dokumente, Karten und Vermessungen verlangt. Es fallen Urteile zu ihren Gunsten, die dann aber nicht umgesetzt werden. Es folgen immer neue juristische Hürden und Verzögerungen. Parallel dazu kommt es zu Angriffen durch Siedler, Bäume werden zerstört, Straßenblockaden errichtet. Die Siedlung Neve Daniel rückt Stück für Stück näher an ihr Grundstück heran. „Die Siedler haben grünes Licht, alles zu machen, was sie wollen“, sagt Nassar.
Daoud Nassar spricht auf dem Jahresfest. „Wir weigern uns Feinde zu sein“, ist das Motto seiner Familie.
Doch die Familie resigniert nicht und kämpft mit gewaltlosem Widerstand für ihr Recht. „Wir weigern uns, Opfer zu sein“, ist ihr Motto, „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, ein anderes. Sie meistern bürokratische Schikanen durch Kreativität: Strom kommt aus selbst installierten Solaranlagen, Wasser aus Zisternen, Gebäude entstehen unterirdisch. Jedes Jahr werden Hunderte Bäume gepflanzt. „Für uns ist es sehr wichtig, mit Glaube, Hoffnung und Liebe und in kleinen Schritten voranzukommen. Das ist der Weg für uns. Es ist ein schwieriger Weg, aber die einzige Möglichkeit für uns und die einzige Hoffnung. Wir sind Menschen, die nie ihre Hoffnung aufgeben“, sagt Nassar.
Sani Ibrahim Azar wurde beim Jahresfest als amtierender Bischof der ELCJHL verabschiedet. Zum Abschluss des Abends sang er – unterstützt von weiteren Stimmen – christlich-arabische Lieder.
Bischof Haddad: Gott begegnet uns in der Schwachheit
Zum Abschluss spricht der neue Bischof der ELCJHL, Dr. Imad Haddad, eindringlich und poetisch über die Quellen seiner Hoffnung. Hoffnung sei für ihn keine Stimmung, sondern eine bewusste Entscheidung – oft gegen alle Erfahrungen. Sie sei „Auferstehung im Alltag“, ein Leben, das sich dem Tod verweigert. Gott begegne uns nicht in der Macht, sondern in der Schwachheit; nicht im Triumph, sondern im Kreuz. Hoffnung bedeute, aufzuwachen im Wissen, dass der Tag Demütigung oder Verlust bringen kann – und dennoch zu wählen, voll zu leben.
Bischof Haddad sprach bei dem Jahresfest über Hoffnung, Matthias Wolf aus dem Vorstand übersetzte.
Mit Bonhoeffer erinnert Haddad daran, dass Gott uns selbst in dunklen Zeiten nicht zur Resignation ruft, sondern zu verantwortlichem Handeln. „Solange Menschen aufwachen und das Leben wählen – solange Bäume gepflanzt werden, Kinder unterrichtet werden und zwischen den Ruinen Lieder erklingen – wird die Hoffnung nicht sterben.“
20.02.2026 | Auf dem 173. Jahresfest des Jerusalemsvereins am 15. Februar 2026 hat der neue Bischof der ELCJHL, Dr. Imad Haddad, die Predigt gehalten. Bischof Dr. Christian Stäblein bekräftigte in der Französischen Friedrichsstadtkirche die Bedeutung der Partnerschaft zwischen der EKBO und der ELCJHL.
Predigt von Bischof Dr. Imad Haddad über Lukas 18,31–43
Geliebte Schwestern und Brüder in Christus,
Gnade und Friede sei mit euch von Gott, unserem Schöpfer, und von unserem Herrn Jesus Christus.
Ich bin dankbar für die Einladung, heute bei euch zu sein, um das Wort Gottes zu verkünden und an der jährlichen Versammlung des Jerusalemsvereins teilzunehmen. Es ist ein Geschenk, bei euch zu sein. Wir sind Schwestern und Brüder aus vielen Orten, Kulturen und Traditionen, vereint durch einen Glauben und eine Taufe.
Eure Präsenz und euer Engagement erinnern uns daran, dass die Kirche Christi nicht auf ein Land oder ein Volk beschränkt ist. Sie ist ein Leib, der durch gegenseitige Fürsorge, aufrichtiges Zuhören und gemeinsame Verantwortung lebt.
In diesem Geist wollen wir gemeinsam das Evangelium nach Lukas hören. Im Lukas-Evangelium, Kapitel 18, spricht Jesus klar und entschlossen. Er sagt seinen Jüngern, dass er nach Jerusalem gehen wird – und dass dort Leiden, Ablehnung, Demütigung und Tod auf ihn warten. Lukas sagt uns einfach: „Sie verstanden nichts davon.“ Aber was diesen Moment ausmacht, ist nicht Verwirrung – es ist Engagement. Jesus fährt fort. Er zögert nicht. Er beschönigt nicht die Wahrheit. Er wählt keinen sichereren Weg.
Jerusalem ist nicht nur eine heilige Stadt, sie ist auch ein Ort der Macht – religiöser und politischer Macht. Ein Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden, an dem Autorität ausgeübt wird und an dem diese Entscheidungen das Leben vieler Menschen prägen. Und Jesus geht darauf zu. In der lutherischen Tradition nennen wir dies die Theologie des Kreuzes: Das Bekenntnis, dass Gott sich nicht durch Herrschaft oder Kontrolle offenbart, sondern durch seine Gegenwart im Leiden, durch Liebe, die auch dann treu bleibt, wenn der Preis hoch ist. Jesus meidet Orte der Spannung nicht. Er begibt sich dorthin.
Auf diesem Weg nach Jerusalem begegnet Jesus einem Mann, der am Straßenrand sitzt. Der Mann ist blind. Er sitzt regungslos da. Er wartet. Als die Menschenmenge vorbeizieht, fragt er, was los ist. Als er hört, dass Jesus von Nazareth vorbeikommt, ruft er: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
Das ist keine höfliche Bitte. Es ist ein Schrei, geprägt von langem Warten, von Abhängigkeit, von Unsicherheit, von der Hoffnung, dass das Erbarmen lange genug innehalten möge, um ihn zu bemerken. Viele Menschen auf der ganzen Welt kennen diese Position nur zu gut: Zu warten, während andere sich frei bewegen. Auf Entscheidungen zu hören, die anderswo getroffen werden, mit Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, der eigenen Chancen oder der Meinungsäußerung.
Das Evangelium sagt uns nicht, wie lange der Mann schon dort sitzt. Aber es sagt uns Folgendes: Er hat gelernt zu erkennen, wann Barmherzigkeit nahe ist. Und dann kommt ein Moment, der über Zeiten und Orte hinweg spricht. Diejenigen, die um ihn herum sind, tadeln ihn und sagen ihm, er solle schweigen: „Störe die Bewegung nicht. Verlangsame die Reise nicht. Mach es nicht unangenehm.“ Das Evangelium erklärt ihre Absichten nicht. Aber das Ergebnis ist klar: Eine verletzliche Stimme wird weiter an den Rand gedrängt. An diesem Punkt sei die Kirche zu einer ehrlichen Selbstprüfung eingeladen. Wem wird heute gesagt, dass sein Leiden zu politisch ist? Zu kompliziert? Zu unbequem? Wer wird gebeten, still zu warten, während sich am System nichts ändert?
Für Palästinenser hat diese Frage eine tiefe Bedeutung. Aber es ist nicht nur eine palästinensische Geschichte. Sie findet überall dort Widerhall, wo Menschen unter Besatzung leben, wo Armut die Wahlmöglichkeiten einschränkt, wo Rassismus die Würde verweigert, wo Krieg Familien vertreibt, wo Angst die Zukunft beherrscht.
Nun sagt uns das Evangelium: Er schrie noch lauter. Denn wenn das Leben eingeschränkt ist, ist Schweigen nicht neutral. Und der Glaube, der auf Barmherzigkeit vertraut, weigert sich zu verschwinden.
Und Jesus hält an. – Das ist der Kern des Evangeliums: Jesus eilt auf seinem Weg nach Jerusalem nicht am Leid vorbei. Er stellt den Fortschritt nicht über die Menschen. Er hält an und ruft den Mann zu sich. Derjenige, der an den Rand gedrängt wurde, wird in die Mitte gebracht. Und Jesus fragt: „Was soll ich für dich tun?“ Diese Frage stellt die Würde wieder her. Sie erkennt die Handlungsfähigkeit an. Sie behandelt den Mann nicht als ein Problem, das gelöst werden muss, sondern als einen Menschen, dem man zuhören muss. „Herr, lass mich sehen.“ – Und Jesus heilt ihn.
In der Sprache der Lutheraner ist dies die Wirksamkeit von Gottes Wort. Gnade, die nicht erklärt, sondern vollbracht wird; Barmherzigkeit, die nicht aufgeschoben, sondern verkörpert wird. Der Mann sieht. Er folgt Jesus. Er verherrlicht Gott. Und die Heilung endet nicht bei ihm. Lukas berichtet uns: Als alle Menschen das sahen, lobten sie Gott. Der Mut einer einzigen Begegnung wird zu einem Geschenk für die ganze Gemeinschaft.
So funktioniert glaubwürdiges Zeugnisgeben. Nicht, indem man andere überwältigt, nicht, indem man den Schmerz zum Schweigen bringt, sondern indem man die Wahrheit über das, was Gott getan hat, klar, demütig und beharrlich verkündet. So versteht auch die palästinensische Kirche ihre Berufung. Nicht als die einzige leidende Kirche, sondern als eine unter vielen verwundeten Kirchen, die von einem bestimmten Ort aus Zeugnis ablegt, in der Hoffnung, dass andere ihren eigenen Weg und ihre eigenen Schreie erkennen. Das Zeugnis, das wir ablegen, ist kein Wettstreit des Leidens. Es ist eine Einladung zur Solidarität.
Heute beten wir: „Estomihi. – Sei bei mir.“ Sei bei uns, o Herr. Sei bei denen, die am Straßenrand sitzen – in Palästina und überall. Sei unser Mut, wenn die Wahrheit teuer ist. Sei unsere Weisheit, wenn Schweigen sicherer erscheint. Wir verstehen vielleicht nicht alles, aber wir vertrauen dem Einen, der vor uns hergeht.
Geliebte Schwestern und Brüder, während wir uns auf die Fastenzeit vorbereiten, lädt uns dieses Evangelium nicht dazu ein, Jesus aus der Ferne zu beobachten. Es lädt uns ein, mit ihm zu gehen, mit Christus nach Jerusalem zu gehen. Das bedeutet mehr als Mitgefühl. Es bedeutet Präsenz. Es bedeutet, zu lernen, zuzuhören, besonders wenn Stimmen unangenehm sind. Es bedeutet, sich zu weigern, sich vor andere zu stellen und sie zum Schweigen zu bringen, und stattdessen sich zu entscheiden, neben denen zu gehen, die am Straßenrand warten.
Für die weltweite Kirche nimmt dieser Glaube konkrete Gestalt an. Es bedeutet, aufmerksam zu beten: echte Menschen, echte Orte und echte Auseinandersetzungen vor Gott zu bringen, in Palästina und an vielen anderen verwundeten Orten unserer Welt. Es bedeutet Begleitung, in Beziehung zu bleiben, Dienste zu unterstützen, die treu dem Leben dienen, auch wenn die Aufmerksamkeit der Welt sich woanders hinwendet.
Und das bedeutet, dass wir unsere Stimme erheben müssen, dass wir unsere Stimme und unsere Freiheit nutzen müssen, um Raum für die Wahrheit zu schaffen und Raum für diejenigen, deren Stimmen allzu leicht überhört werden. Das ist es, was die Kirche in Palästina von der weltweiten Kirche verlangt: Nicht für uns zu sprechen, sondern mit uns zu gehen, und mit allen, die sich nach Würde, Gerechtigkeit und Frieden sehnen. Lasst uns also gemeinsam nach Jerusalem gehen und nicht auf unsere eigene Kraft vertrauen, sondern auf die Barmherzigkeit dessen, der innehält, zuhört und heilt. Möge Gott uns beistehen, wenn wir danach streben, eine Kirche zu sein, die zuhört, eine Kirche, die begleitet, und eine Kirche, die ihren Glauben lebt.
Grußwort von Bischof Dr. Christian Stäblein
Ihre Exzellenz, hochwürdigster Bischof Dr. Haddad, Ihre Exzellenz, hochwürdigster Bischof Dr. Azar, sehr geehrter Vorsitzender des Jerusalemsvereins, lieber Bruder Schmidt, liebe Freunde des Jerusalemsvereins, Vertreterinnen und Vertreter, Schwestern und Brüder,
Es ist mir eine große Ehre und Freude, Sie alle heute hier begrüßen zu dürfen, insbesondere Sie, Bischof Haddad und Bruder Imad. Wir freuen uns sehr, Sie in unserer Kirche im Herzen Berlins und in Ihrer Partnerkirche, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, willkommen zu heißen. Ich möchte dies ausdrücklich und von ganzem Herzen betonen: Sie und alle Ihre Brüder und Schwestern sind willkommen im Geiste, im Herzen, im Segen und in allem, was wir in Christus teilen. So wie Bischof Azar willkommen war, ist und immer willkommen sein wird, und wir freuen uns, dass Sie auch hier sind, lieber Bruder Azar – und Sie auch, lieber Imad Haddad.
Wie Sie mir vor zwei Tagen erklärt haben, ist eine glaubensbasierte öffentliche Theologie eine praktische Führungsaufgabe der Kirche. Ich kann Ihnen nur von ganzem Herzen danken: Die glaubensbasierte öffentliche Theologie ist das Gesicht der Kirche. Vielen Dank, dass Sie mich darauf hingewiesen haben, vor allem aber, dass Sie dies durch Ihre freundliche, einladende und warmherzige Persönlichkeit verkörpern und mit Ihrem Gesicht repräsentieren. Ich bin froh über unsere Kirche. Ich bin auch froh über alles, was wir in Zukunft gemeinsam erleben und aufbauen werden, basierend auf dem Glauben und dem persönlichen Miteinander.
In Paulus‘ zweitem Brief an die Philipper, Kapitel 2 (Vers 5), heißt es: „Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“ Wenn ich das so sagen darf, sollte dies das Fundament unserer Glaubensgemeinschaft sein: wie Christus zu sein, dieselbe Gesinnung wie er zu haben. Ich gebe offen zu, dass ich nicht nur Paulus zitiere, sondern auch Sie, lieber Bruder Imad, denn diese Hymne ist eine der zentralen Passagen, aus denen Sie zitieren, nach denen Sie leben und die Kirche leiten. Deshalb möchte ich fragen: Wie wird eine Gemeinschaft christusähnlich? Wie sieht das konkret aus? Wie können wir diese Gesinnung erkennen?
Nun, dazu gibt es viel zu sagen, viel zu viel für ein kurzes Grußwort. Ich werde mich daher auf zwei Punkte beschränken. Erstens: Wenn ein Teil der Gemeinschaft sich freut, freuen sich die anderen mit. Sie haben ein Lächeln auf den Lippen – ein Lächeln, das aus dem Glauben kommt, wenn man so will – und sie strahlen. Wir freuen uns mit Ihnen über Ihr neues Amt als Bischof unserer Partnerkirche, über die Lebendigkeit der Gemeinschaft, über Glück und Hoffnung, über die Erfolge der Gemeinden und unserer Schule, über die Seelsorge, über den gegenseitigen Beistand im Austausch und im Gebet. Wir können so viel von Ihnen über Mut und Beharrlichkeit lernen und uns von Ihrem Glauben und Ihrem Bekenntnis inspirieren lassen. Zweitens bedeutet die Nachfolge Christi, dass, wenn ein Teil leidet, die anderen mit ihm leiden. Mit ihm trauern. Mit ihm weinen. Ihr christlicher Glaube wird Ihnen oft schwer gemacht, und Sie erleben Demütigung und Unterdrückung in Ihrem Alltag. Das hinterlässt Spuren in Ihrer Gemeinschaft und den Gemeinden und zeigt, wie hart, lieblos, ungerecht und unsicher das Leben sein kann. Und doch bewundere ich Ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Ich sage: Ihre Sehnsucht ist unsere Sehnsucht. Ihr Leiden ist unser Leiden.
Ich sage dies in aller Demut, nicht weil ich beanspruche, die Antworten zu kennen, und auch nicht, um mich von den anderen Partnern zu distanzieren, die, wie Sie und alle anderen wissen, ebenfalls untrennbar zu uns gehören. Ich sage dies von Angesicht zu Angesicht: Wir gehören zusammen; wir sind Brüder und Schwestern; wir sind eins in Christus; wir teilen dieselbe Gesinnung. Vielleicht sind wir aufgrund unserer unterschiedlichen Geschichte und unseres unterschiedlichen Hintergrunds nicht immer einer Meinung, aber so viel ist sicher: Wir sind und bleiben eins in Christus. Im Kampf gegen Antisemitismus sind Ihre Worte klar. Das Gleiche gilt für den Kampf für Ihre Rechte und Ihren Glauben. Wir bleiben verbunden: Wir sind eins in Christus.
So heiße ich Sie und Ihre gesamte Kirche im Sinne des Paulus und in der Geisteshaltung Jesu Christi herzlich willkommen, lieber Imad Haddad. Wie Sie gesagt haben: Wer eine Kirche sein will, muss anfangen, wie eine Kirche zu sprechen und zu handeln. Jesus Christus folgen und in seiner Gesinnung bleiben.
Wenn ich darf, möchte ich Ihnen zwei kleine Geschenke überreichen. Das erste ist für den Bischof, der sich leidenschaftlich für Liturgie interessiert. Es handelt sich um ein Buch zur liturgischen Vorbereitung unserer Gottesdienste und ist unser ganz eigener „Kanon” für unsere Sonntagsgottesdienste in Deutschland. Liturgie: Das gemeinsame Fest. Die gemeinsame Reise zum Himmel. Ein Impuls zum Handeln in unserer Welt. Und wie wir wissen, ist es der Ort, an dem wir, so Gott will/insh‘ allah, mit den Engeln im Himmel feiern werden. Dieser kleine Engel ist eine kleine Erinnerung an die Engel, die mit uns feiern, Gottes Worte tragen und uns durch die göttliche Liturgie begleiten. Bewahren Sie diesen kleinen Engel als Zeichen und Erinnerung in Ihrer Tasche auf. Ich habe immer einen davon in meiner Talartasche. Er erinnert mich an Sie und unsere gemeinsame Geschichte, Tradition und unseren gemeinsamen Glauben. Wir bleiben durch unsere gemeinsame Feier verbunden. Denn wenn ein Glied des Leibes feiert, feiern die anderen mit ihm. In diesem Sinne und mit einer Gesinnung, die wir mit Christus teilen. Gott segne Sie.
20.02.2026 | Unsere Partnerkirche unterstützt Menschen, die sich aufgrund der wirtschaftlichen Not im Westjordanland keine ausreichende Ernährung oder medizinische Behandlungen mehr leisten können. Diakonieleiterin Rana Zeidan erzählt in einem Video über ihre Arbeit.
11.02.2026 | Am 3. Februar 2026 ist Jürgen Wehrmann gestorben, knapp zwei Wochen vor dem 173. Jahresfest des Jerusalemsvereins. Etwa ein Drittel der Jahre, die es den Jerusalemsverein gibt, war Jürgen Mitglied und jahrzehntelang Vorstandsmitglied. Und mir kommt es so vor, dass er in diesen Jahren kein Jahresfest verpasst hat. In meiner Erinnerung war Jürgen immer da – und wie er da war, wenn er da war: uneingeschränkt zugewandt und engagiert, mit Leidenschaft den Menschen aus dem Land der Bibel verbunden, überhaupt höchst interessiert an den Menschen, denen er begegnete.
Geistlich in Jerusalem geboren
Jerusalem, die Orte und Landschaften des Landes Palästina und Israel, die Menschen dort, ihre Geschichte und Traditionen, die Herausforderungen, mit denen sie zu tun haben, die Gemeinden und Schulen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, aber auch die ökumenischen, politischen und interreligiösen Bezüge, das war Jürgen Wehrmanns Welt.
Am 3. Juli 1941 in Berlin geboren, wuchs Jürgen Wehrmann im Evangelischen Johannesstift in Berlin-Spandau auf. Sein Vater wirkte dort als Diakon. Hier haben sich ihm die von der unvergesslichen Christine Bourbeck im Kindergottesdienst „mitreißend lebendig erzählten Bibelgeschichten fürs Leben eingeprägt“ (Jürgen Wehrmann, Seht der Mensch. Predigten in Jerusalem und in Berlin aus den Jahren 1981-2004, Berlin 2007, 5). Zum Studium der evangelischen Theologie ging er zunächst nach Heidelberg. Dort beeindruckte ihn der sorgfältige und respektvolle Umgang mit den biblischen Texten, besonders bei dem Alttestamentler Gerhard von Rad, der bekanntlich seine Aufgabe als akademischer Lehrer darin gesehen hat „lesen zu lernen und lesen zu lehren“. Es schloss sich eine Studienzeit in Ohio (USA) an. Hier lernte Jürgen Wehrmann seine spätere Frau Karen kennen. Er schloss sein Studium in Berlin ab.
Aber schon als Student unterbrach er sein Studium, um 1964/65 ein Jahr im Jungeninternat in Beit Jala mitzuarbeiten. Damals lebte dort u. a. der 17-jährige Sliman Mansour im Internat, heute einer der bedeutendsten palästinensischen Künstler. Jürgen Wehrmann gewinnt einen einmaligen Einblick in die palästinensische Situation und Kultur. Damals gehörten die Westbank und Ostjerusalem noch zu Jordanien, abgeriegelt vom Staat Israel.
Sein Vikariat führt ihn 1970 wiederum nach Jerusalem. Da hatte Israel im sogenannten Sechs-Tage-Krieg 1967 Westbank und Ostjerusalem erobert und besetzt. Jürgen Wehrmann lernte nun das vereinte und doch getrennte Jerusalem kennen. Danach wurde er von 1972–1979 Pfarrer in Berlin-Kreuzberg und schließlich von 1979–1985 Propst an der Erlöserkirche in der Altstadt Jerusalems. Der zu Beginn seiner Amtszeit mit 38 Jahren noch junge Propst eroberte die Herzen der Gemeindeglieder durch viele Besuche und Gespräche und eindrückliche Predigten. Er lernte das Land immer wieder neu und immer wieder neue Regionen dadurch kennen, dass er viel zu Fuß unterwegs war. Mit Bruce Schein lief er zum etwa 30 Kilometer von Jerusalem gelegenen vormaligem arabischen Dorf Amwas bei Latroun und zurück. Er wollte erkunden, ob man wirklich diesen Weg an einem Tag in beiden Richtungen zurücklegen kann, wie es die Emmausjünger getan haben müssen, wenn dieser Ort das biblische Emmaus gewesen ist. – Man kann es.
Besuchern aus den in diesen Jahren zahlenmäßig stark zunehmenden Reisegruppen war eindrücklich, wie differenziert „der Propst“ auf die Menschen, auf die Schätze der jüdischen Überlieferung und die Probleme des Staates Israel schauen konnte und wie einfühlsam er die Nöte der Palästinenser beschreiben konnte. Er konnte sich freuen an den Errungenschaften der einfachen palästinensischen Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung und künstliche Düngung. Stereotype und Schubladen waren Jürgen Wehrmann ein Grauen. Er wusste, dass es keine einfachen politischen Lösungen geben konnte. Aber er wurde leidenschaftlich, wenn Menschen Unrecht angetan wurde.
Jerusalem ließ Jürgen Wehrmann nicht mehr los. In den 21 Jahren als Pfarrer der Gustav-Adolf-Gemeinde in Berlin-Charlottenburg zehrte er von den Jerusalemer Erfahrungen und konnte sie in sein ehrenamtliches Wirken für den Jerusalemsverein, im Kuratorium der Jerusalemsstiftung und im Verwaltungsrat des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes einbringen. Sein leidenschaftliches Engagement in diesen Gremien war stets inspirierend. Ein Pfarrer, auch Vorstandsmitglied im Jerusalemsverein schrieb ihm einmal dazu: „Das hat mir viel Kraft gegeben. Man spürt, wie Ihre Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern im Heiligen Land so stark ist; dem Land, wo alles einmal losging, was unser Denken und unseren Glauben ausmacht.“
Im Jahr 2006 war Jürgen Wehrmann dann noch einmal, kommissarisch Propst in Jerusalem.
Landschaft, Licht, Klima und Wasser des Heiligen Landes waren Jürgen Wehrmanns Lebenselixier. Er konnte sogar von den Erfahrungen mit Wasser im Land der Bibel ausdrücken, was ihm Gott bedeutete:
Das Lebenselement, aus dem ich vor allem gemacht bin. Das Lebenselixier, ohne das ich nicht sein kann. Die klare, nie versiegende Quelle, aus der ich trinke. Die unergründliche, unkontrollierbare, mitreißende Kraft, derer ich niemals Herr werden kann. Wonach ich mich am tiefsten sehne, um nicht zu verdursten, wer das Chaos der Fluten, die über mich hereinbrechen, bändigt, wer mich aus allem, was mich wie ein Sog runterzieht, herausreißt ins Freie, wer mir die Augen öffnet für das „frische Wasser“, an dem ich Ruhe finde, ist GOTT für mich.
In Psalm 87 finden wir eine einmalige und nachdenkenswerte Aussage, nach der eigentlich alle Menschen in Jerusalem geboren sind: „Man wird von Zion sagen: Ein jeder ist dort geboren“. Wer Jürgen Wehrmanns Leben betrachtet, der versteht sofort, was damit gemeint ist. Geistlich war Jürgen Wehrmann in Jerusalem geboren. Im himmlischen Jerusalem darf er nun schauen, was er geglaubt hat.
Mit seinem Tod am 3. Februar 2026 haben wir auf Erden einen Freund des Landes der Bibel, seiner Menschen und des Wortes Gottes, das er lebenslang mit großer Freude gepredigt hat, verloren. Ich habe ihn als einen Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden erlebt. Auf Erden hinterlässt er seine Frau Karen, seine beiden Kinder mit ihren Partnern und drei Enkelkinder.
Bischof i.R. Dr. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald) Der Autor war 1980/81 Vikar bei Jürgen Wehrmann in Jerusalem.
30.01.2026 | In den ersten Wochen des Jahres 2026 setzen sich die gewaltsamen Übergriffe radikaler Siedler und des israelischen Militärs auf die palästinensische Zivilbevölkerung fort.
Am 24. Januar 2026 drangen in Birzeit, einem Ort nördlich von Ramallah, der durch seine Universität bekannt ist, gewaltbereite israelische Siedler mit ihren Schafen ein. Sie weideten die Schafe auf palästinensischen Feldern und richteten Schäden an Olivenbäumen an. Dabei randalierten sie und warfen Steine auf ein Haus. Eine 62-jährige Einheimische wurde zu Boden gerissen, als sie die Siedler zur Rede stellen wollte. Laut ihrer Tochter hob einer der Siedler einen großen Stein auf und warf ihn auf ihren Kopf, während sie hilflos am Boden lag.
Die Frau wurde mit einer schweren Kopfverletzung auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert. Nach dem Angriff auf die Frau eilten zwei Söhne ihr zu Hilfe. Einer warf mit Steinen, um die Familie zu verteidigen. Bei der Auseinandersetzung wurden die Söhne und einer der Siedler verletzt. Als israelische Soldaten am Tatort eintrafen, stürmten sie das Haus der palästinensischen Familie, verhafteten die beiden Söhne und zwei Cousins. Als weitere Einwohner des Dorfes versuchten einzugreifen, um die Opfer zu schützen, setzten die israelischen Streitkräfte Tränengas ein. Die Siedler wurden laufen gelassen.
„Das ist nicht der erste Angriff“, sagte die Tochter der schwer verletzten Frau. „Sie bringen regelmäßig ihre Schafe hierher, um uns zu schikanieren und uns zu zwingen, zu gehen … Egal, was sie tun, wir werden unser Land nicht aufgeben.“
Bischof Haddad: „Wir werden weiterhin unsere Stimme gegen Unterdrückung erheben.“
In einer Stellungnahme verurteilte Dr. Imad Hadad, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL), den Angriff und forderte, die Zivilbevölkerung müsse vor solcher Gewalt geschützt werden:
„Als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land verurteile ich diesen schändlichen Angriff aufs Schärfste. Unsere Kirche hat zu ihrem tiefen Bedauern erfahren, dass die Frau, die angegriffen und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sowie ihr Sohn, der wegen der Verteidigung seiner Mutter verhaftet wurde, die Mutter und der Bruder einer Lehrerin an der Evangelisch-Lutherischen Schule der Hoffnung in Ramallah sind.
Während des Angriffs entwurzelten Siedler auch Bäume auf Grundstücken von Familien, die zu unserer Kirchengemeinde in Ramallah gehören.
Wir stehen mit unseren Gebeten in Solidarität hinter den Familien, der Schulgemeinschaft und allen, die von dieser schweren Ungerechtigkeit gegenüber menschlichem Leben und unserer Umwelt betroffen sind. Wir beten für die vollständige und schnelle Genesung der verletzten Frau und fordern die sofortige Freilassung ihres Sohnes … Diese Verletzungen der Sicherheit und der Menschenrechte der Palästinenser müssen ein Ende haben. Wir fordern Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung, ein Ende der Kultur der Straflosigkeit und eine echte Strafverfolgung derjenigen, die Gewalt ausüben und ermöglichen. Als Kirche bekräftigen wir unser Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Würde jedes Menschen, und wir werden weiterhin an der Seite der Opfer stehen und unsere Stimme gegen Unterdrückung erheben.“
Christen in Palästina vermehrt Opfer von Gewalt
41 Angriffe auf Christen verzeichnete das Palestinian Presidential Higher Committee for Church Affairs im ersten Quartal 2025, im zweiten Quartal 69, darunter Vandalismus, Anspucken, körperliche Gewalt und die Schändung von Heiligen Stätten. So war das nordöstlich von Ramallah gelegene Taybeh Schauplatz solcher mutmaßlich gezielt gegen Christen gerichteter Angriffe.
Bildung im Fadenkreuz: Israelisches Militär stürmt Universität von Birzeit
Am 6. Januar wurde die Universität Birzeit, eine der bedeutendsten und renommiertesten palästinensischen Bildungseinrichtungen, von einem Einsatz des israelischen Militärs erschüttert. Die Soldaten rammten das Eingangsportal ein, drangen auf das Universitätsgelände vor und setzten dabei Gummigeschosse, Blend- und Rauchgranaten sowie scharfe Munition ein. Dabei wurden mindestens 41 Studierende verletzt einige von ihnen mussten mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Laut israelischen Quellen versuchte das Militär durch den Einsatz, „eine Veranstaltung zur Unterstützung des Terrorismus” zu verhindern. Damit ist mutmaßlich eine gewaltfreie studentische Solidaritätsaktion zur Unterstützung palästinensischer politischer Gefangener gemeint. Im Rahmen dieser Aktion sollte auch der Film „The Voice of Hind Rajab“ gezeigt werden, der den tragischen Tod der fünfjährigen Hind Rajab im Januar 2024 in Gaza dokumentiert.
Der militärische Angriff am 6. Januar auf die Universität in Birzeit war bereits der 26. Einsatz israelischer Soldaten auf dem Universitätsgelände seit 2002. Auch an anderen palästinensischen Universitäten und Hochschulen sind Razzien an der Tagesordnung. Laut dem Ministerium für Bildung und Hochschulwesen der Palästinensischen Autonomiebehörde hat das israelische Militär zwischen Oktober 2023 und Dezember 2025 im Westjordanland 37 Universitätsstudenten getötet und 259 weitere verletzt. Es nahm 463 Studierende fest, darunter 148 von der Birzeit-Universität, sowie 27 Hochschulmitarbeitende. Die meisten der Gefangenen befinden sich in Verwaltungshaft, ohne Gerichtsverfahren oder Anklage.
UN-Menschenrechtsexperten: das Recht auf Bildung wird untergraben
„Razzien, Verhaftungen, Einschüchterungen und die Kriminalisierung des Studentenlebens sind Mittel, mit denen das Recht auf Bildung untergraben wird, indem palästinensische Institutionen in ihrem Kern angegriffen werden“, kommentierte eine Gruppe vom UN-Menschenrechtsexperten den Vorfall an Birzeit. „Das Ziel ist es, zu destabilisieren“, sagten sie. „Es geht darum, den Palästinensern jedes Gefühl von Normalität zu nehmen und Räume zu zerstören, die kritisches Denken, politisches Bewusstsein und kollektive Identität fördern. Universitäten sind genau deshalb das Ziel, weil sie das soziale und nationale Leben der Palästinenser aufrechterhalten.“
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