Ein Nachruf auf Jürgen Wehrmann

11.02.2026 | Am 3. Februar 2026 ist Jürgen Wehrmann gestorben, knapp zwei Wochen vor dem 173. Jahresfest des Jerusalemsvereins. Etwa ein Drittel der Jahre, die es den Jerusalemsverein gibt, war Jürgen Mitglied und jahrzehntelang Vorstandsmitglied. Und mir kommt es so vor, dass er in diesen Jahren kein Jahresfest verpasst hat. In meiner Erinnerung war Jürgen immer da – und wie er da war, wenn er da war: uneingeschränkt zugewandt und engagiert, mit Leidenschaft den Menschen aus dem Land der Bibel verbunden, überhaupt höchst interessiert an den Menschen, denen er begegnete.

Geistlich in Jerusalem geboren

Jerusalem, die Orte und Landschaften des Landes Palästina und Israel, die Menschen dort, ihre Geschichte und Traditionen, die Herausforderungen, mit denen sie zu tun haben, die Gemeinden und Schulen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, aber auch die ökumenischen, politischen und interreligiösen Bezüge, das war Jürgen Wehrmanns Welt.

Am 3. Juli 1941 in Berlin geboren, wuchs Jürgen Wehrmann im Evangelischen Johannesstift in Berlin-Spandau auf. Sein Vater wirkte dort als Diakon. Hier haben sich ihm die von der unvergesslichen Christine Bourbeck im Kindergottesdienst „mitreißend lebendig erzählten Bibelgeschichten fürs Leben eingeprägt“ (Jürgen Wehrmann, Seht der Mensch. Predigten in Jerusalem und in Berlin aus den Jahren 1981-2004, Berlin 2007, 5). Zum Studium der evangelischen Theologie ging er zunächst nach Heidelberg. Dort beeindruckte ihn der sorgfältige und respektvolle Umgang mit den biblischen Texten, besonders bei dem Alttestamentler Gerhard von Rad, der bekanntlich seine Aufgabe als akademischer Lehrer darin gesehen hat „lesen zu lernen und lesen zu lehren“. Es schloss sich eine Studienzeit in Ohio (USA) an. Hier lernte Jürgen Wehrmann seine spätere Frau Karen kennen. Er schloss sein Studium in Berlin ab.

Aber schon als Student unterbrach er sein Studium, um 1964/65 ein Jahr im Jungeninternat in Beit Jala mitzuarbeiten. Damals lebte dort u. a. der 17-jährige Sliman Mansour im Internat, heute einer der bedeutendsten palästinensischen Künstler. Jürgen Wehrmann gewinnt einen einmaligen Einblick in die palästinensische Situation und Kultur. Damals gehörten die Westbank und Ostjerusalem noch zu Jordanien, abgeriegelt vom Staat Israel.

Sein Vikariat führt ihn 1970 wiederum nach Jerusalem. Da hatte Israel im sogenannten Sechs-Tage-Krieg 1967 Westbank und Ostjerusalem erobert und besetzt. Jürgen Wehrmann lernte nun das vereinte und doch getrennte Jerusalem kennen. Danach wurde er von 1972–1979 Pfarrer in Berlin-Kreuzberg und schließlich von 1979–1985 Propst an der Erlöserkirche in der Altstadt Jerusalems. Der zu Beginn seiner Amtszeit mit 38 Jahren noch junge Propst eroberte die Herzen der Gemeindeglieder durch viele Besuche und Gespräche und eindrückliche Predigten. Er lernte das Land immer wieder neu und immer wieder neue Regionen dadurch kennen, dass er viel zu Fuß unterwegs war. Mit Bruce Schein lief er zum etwa 30 Kilometer von Jerusalem gelegenen vormaligem arabischen Dorf Amwas bei Latroun und zurück. Er wollte erkunden, ob man wirklich diesen Weg an einem Tag in beiden Richtungen zurücklegen kann, wie es die Emmausjünger getan haben müssen, wenn dieser Ort das biblische Emmaus gewesen ist. – Man kann es.

Besuchern aus den in diesen Jahren zahlenmäßig stark zunehmenden Reisegruppen war eindrücklich, wie differenziert „der Propst“ auf die Menschen, auf die Schätze der jüdischen Überlieferung und die Probleme des Staates Israel schauen konnte und wie einfühlsam er die Nöte der Palästinenser beschreiben konnte. Er konnte sich freuen an den Errungenschaften der einfachen palästinensischen Landwirtschaft ohne künstliche Bewässerung und künstliche Düngung. Stereotype und Schubladen waren Jürgen Wehrmann ein Grauen. Er wusste, dass es keine einfachen politischen Lösungen geben konnte. Aber er wurde leidenschaftlich, wenn Menschen Unrecht angetan wurde.

Jerusalem ließ Jürgen Wehrmann nicht mehr los. In den 21 Jahren als Pfarrer der Gustav-Adolf-Gemeinde in Berlin-Charlottenburg zehrte er von den Jerusalemer Erfahrungen und konnte sie in sein ehrenamtliches Wirken für den Jerusalemsverein, im Kuratorium der Jerusalemsstiftung und im Verwaltungsrat des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes einbringen. Sein leidenschaftliches Engagement in diesen Gremien war stets inspirierend. Ein Pfarrer, auch Vorstandsmitglied im Jerusalemsverein schrieb ihm einmal dazu: „Das hat mir viel Kraft gegeben. Man spürt, wie Ihre Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern im Heiligen Land so stark ist; dem Land, wo alles einmal losging, was unser Denken und unseren Glauben ausmacht.“

Im Jahr 2006 war Jürgen Wehrmann dann noch einmal, kommissarisch Propst in Jerusalem.

Landschaft, Licht, Klima und Wasser des Heiligen Landes waren Jürgen Wehrmanns Lebenselixier. Er konnte sogar von den Erfahrungen mit Wasser im Land der Bibel ausdrücken, was ihm Gott bedeutete:

Das Lebenselement, aus dem ich vor allem gemacht bin.
Das Lebenselixier, ohne das ich nicht sein kann.
Die klare, nie versiegende Quelle, aus der ich trinke.
Die unergründliche, unkontrollierbare, mitreißende Kraft, derer ich niemals Herr werden kann.
Wonach ich mich am tiefsten sehne, um nicht zu verdursten,
wer das Chaos der Fluten, die über mich hereinbrechen, bändigt,
wer mich aus allem, was mich wie ein Sog runterzieht, herausreißt ins Freie,
wer mir die Augen öffnet für das „frische Wasser“, an dem ich Ruhe finde,
ist GOTT für mich.

In Psalm 87 finden wir eine einmalige und nachdenkenswerte Aussage, nach der eigentlich alle Menschen in Jerusalem geboren sind: „Man wird von Zion sagen: Ein jeder ist dort geboren“. Wer Jürgen Wehrmanns Leben betrachtet, der versteht sofort, was damit gemeint ist. Geistlich war Jürgen Wehrmann in Jerusalem geboren. Im himmlischen Jerusalem darf er nun schauen, was er geglaubt hat.

Mit seinem Tod am 3. Februar 2026 haben wir auf Erden einen Freund des Landes der Bibel, seiner Menschen und des Wortes Gottes, das er lebenslang mit großer Freude gepredigt hat, verloren. Ich habe ihn als einen Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden erlebt. Auf Erden hinterlässt er seine Frau Karen, seine beiden Kinder mit ihren Partnern und drei Enkelkinder.

Bischof i.R. Dr. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald)
Der Autor war 1980/81 Vikar bei Jürgen Wehrmann in Jerusalem.