24.02.2026 | Am 15. Februar 2026 feierte der Jerusalemsverein sein 173. Jahresfest in Berlin. Auf dem Festnachmittag im Kaiserin‑Friedrich‑Haus zeigten Stimmen aus Kirche, Schule, Friedensarbeit und Diakonie, wie Menschen im Heiligen Land trotz Bedrohung, Verlust und Unsicherheit Wege der Hoffnung gehen.
„Hoffnung wächst nicht dort, wo kein Leid ist – sondern dort, wo wir uns weigern, dem Leid das letzte Wort zu lassen“, sagte der neue Bischof der ELCJHL, Dr. Imad Haddad, auf dem Jahresfest des Jerusalemsvereins. Die Erfahrung von Leid verbindet viele Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland. Die Ursachen dafür sind zahlreich und reichen von der immer weiter eingeschränkten Bewegungsfreiheit über wirtschaftliche Unsicherheit und Armut bis hin zu massiven Gewalterfahrungen. Zum palästinensischen Alltag gehören Entwürdigungen, Schikanen, Enteignungen, Hausdurchsuchungen und Inhaftierungen. All das droht die Menschen zu zermürben.
Migration ist für palästinensische Christen Normalität
Mit Blick auf die Christinnen und Christen, die eine kleine Minderheit im Heiligen Land sind, betonte Marc Frings in seinem einführenden Vortrag: „Die größte Herausforderung … ist heute die Frage, ob sie überhaupt noch eine Zukunft in ihrer Heimat haben.“ Viele sehen das nicht und migrieren ins Ausland – einer Bewegung folgend, die schon seit über 100 Jahren anhält. Frings spricht von einem „migrantischen Normal“. Er zeichnet die historischen Flucht‑ und Migrationsbewegungen nach: die erste während des Osmanischen Reichs, die zweite im Kontext des Palästinakriegs (1947–49) und der Nakba, die dritte unter der haschemitisch‑jordanischen Herrschaft im Westjordanland, die vierte nach dem Sechstagekrieg und dem Beginn der israelischen Besatzung und die fünfte seit dem Ausbruch der Zweiten Intifada (2000) und der Lähmung des Oslo‑Friedensprozesses.

Die christliche Bevölkerung sei von einst rund elf Prozent auf etwa ein Prozent zurückgegangen. Der kleinen christlichen Minderheit in Palästina steht eine große christlich‑palästinensische Diaspora gegenüber, die Anziehungskraft auf die Verbliebenen ausübt. In einer Studie gibt jeder zweite junge Christ an, über Auswanderung nachzudenken. Zunehmende Hasskriminalität gegen Christinnen und Christen – etwa Siedlergewalt in Taybeh sowie Birzeit – und niedrigschwellige Belästigungen, die insbesondere in Jerusalem inzwischen alltäglich sind, verschärfen den Auswanderungsdruck. Gleichzeitig verweist Frings auf einen Faktor, der die starke Verwurzelung der Christinnen und Christen in Palästina zeigt und ein (kleiner) Hoffnungsaspekt ist: die überproportionale Rolle christlicher Einrichtungen mit mehr als 70 Schulen und rund 300 sozialen Organisationen, die etwa 9.000 Menschen einen Arbeitsplatz bieten.


Talitha Kumi: eine Schule als Hoffnungsort
Aus einer dieser Schulen – Talitha Kumi in Beit Jala – nahmen der deutsche Schulleiter Birger Reese und die palästinensische Schulleiterin Laura Bishara über eine Videokonferenz an dem Jahresfest teil. Reese, der seine Schule als „Hoffnungsort“ sieht, berichtete, dass die erfolgreiche Inspektion als Exzellente Deutsche Auslandsschule erneut den hohen Qualitätsstandard von Talitha Kumi bestätigt hat. Wichtig sei ihm auch die Friedenserziehung und die politische Bildung; jüngst diskutierten auf zwei Veranstaltungen die ARD‑Korrespondentin Sophie von der Tann und Christian Meier von der FAZ mit den Schülerinnen und Schülern. „Wir führen offene Gespräche und transportieren damit unsere Vorstellungen von Toleranz, Dialog und Multiperspektivität“, sagte Reese. Laura Bishara betonte eindrücklich, wie sehr Talitha Kumi dazu beiträgt, die christliche Identität zu stärken, beispielsweise durch die regelmäßigen Andachten. „Talitha ist ein Ort, an dem Christen spüren, dass sie nicht in der Minderheit sind, sondern Einfluss haben und meinungsbildend sein können“, sagte sie. Eine Schülerin berichtete in einem kurzen Testimonial von dem freundschaftlichen Miteinander von christlichen und muslimischen Schülerinnen und Schülern.
Die Diakonie der ELCJHL lässt Menschen in dunklen Zeiten nicht alleine
Rana Zeidan, die Leiterin der Diakonie der ELCJHL, kommt per Video zu Wort. Im Gespräch mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Jerusalemsvereins, Sybille Möller‑Fiedler, stellte sie ihre Arbeit vor, die sie mitten in den Alltag palästinensischer Familien führt: Menschen ohne stabiles Einkommen, Menschen, deren Wohnungen unbeheizt bleiben, deren Medikamente unerschwinglich sind. „Für uns bedeutet Diakonie, Menschen in ihren schwersten Momenten zu begleiten – nicht nur zu helfen, sondern ihre Würde zu schützen.“ Deshalb versorgt die ELCJHL‑Diakonie einmal in der Woche 95 Menschen mit einer gesunden, warmen Mahlzeit, trägt die Kosten für medizinische Hilfe, übernimmt Stromrechnungen und bietet auch psychosoziale Unterstützung sowie Seelsorge an.
Bei einem neuen Projekt „Kochen bringt Heilung“ kommen Menschen in einer angenehmen Atmosphäre zusammen und tauschen sich beim Kochen über ihre Erfahrungen aus. Zeidan betont, dass diese Arbeit fest im Glauben wurzelt. Sie sagt: „Hoffnung entsteht, wenn wir Menschen in ihrer Dunkelheit nicht allein lassen. Deshalb machen wir weiter – auch wenn alles um uns unsicher ist.“
Die christliche Familie Nassar kämpft mit gewaltlosem Widerstand für ihr Land
Mit Unsicherheit kennt sich die Familie Nassar nur allzu gut aus. Ihre Geschichte, die Daoud Nassar auf dem Jahresfest erzählt, zeigt eindrücklich, welchen Schikanen Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland ausgesetzt sind, wie groß der Vertreibungsdruck ist. Die Nassars betreiben auf einem Hügel südlich von Bethlehem seit mehr als 100 Jahren Landwirtschaft und haben ein bekanntes Friedensprojekt ins Leben gerufen, das Tent of Nations. Aber Siedler wollen auf dem letzten palästinensischen Hügel in der Region eine neue Siedlung gründen. Deshalb versucht die Familie seit mehr als 35 Jahren, ihren Landbesitz von den israelischen Behörden anerkennen zu lassen, damit es nicht zur Enteignung und Vertreibung kommt. Einem ersten Anlauf vor einem Militärgericht in den frühen 1990er‑Jahren folgten unzählige Gerichtsverfahren. Ständig werden neue Dokumente, Karten und Vermessungen verlangt. Es fallen Urteile zu ihren Gunsten, die dann aber nicht umgesetzt werden. Es folgen immer neue juristische Hürden und Verzögerungen. Parallel dazu kommt es zu Angriffen durch Siedler, Bäume werden zerstört, Straßenblockaden errichtet. Die Siedlung Neve Daniel rückt Stück für Stück näher an ihr Grundstück heran. „Die Siedler haben grünes Licht, alles zu machen, was sie wollen“, sagt Nassar.

Doch die Familie resigniert nicht und kämpft mit gewaltlosem Widerstand für ihr Recht. „Wir weigern uns, Opfer zu sein“, ist ihr Motto, „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, ein anderes. Sie meistern bürokratische Schikanen durch Kreativität: Strom kommt aus selbst installierten Solaranlagen, Wasser aus Zisternen, Gebäude entstehen unterirdisch. Jedes Jahr werden Hunderte Bäume gepflanzt. „Für uns ist es sehr wichtig, mit Glaube, Hoffnung und Liebe und in kleinen Schritten voranzukommen. Das ist der Weg für uns. Es ist ein schwieriger Weg, aber die einzige Möglichkeit für uns und die einzige Hoffnung. Wir sind Menschen, die nie ihre Hoffnung aufgeben“, sagt Nassar.

Bischof Haddad: Gott begegnet uns in der Schwachheit
Zum Abschluss spricht der neue Bischof der ELCJHL, Dr. Imad Haddad, eindringlich und poetisch über die Quellen seiner Hoffnung. Hoffnung sei für ihn keine Stimmung, sondern eine bewusste Entscheidung – oft gegen alle Erfahrungen. Sie sei „Auferstehung im Alltag“, ein Leben, das sich dem Tod verweigert. Gott begegne uns nicht in der Macht, sondern in der Schwachheit; nicht im Triumph, sondern im Kreuz. Hoffnung bedeute, aufzuwachen im Wissen, dass der Tag Demütigung oder Verlust bringen kann – und dennoch zu wählen, voll zu leben.

Mit Bonhoeffer erinnert Haddad daran, dass Gott uns selbst in dunklen Zeiten nicht zur Resignation ruft, sondern zu verantwortlichem Handeln. „Solange Menschen aufwachen und das Leben wählen – solange Bäume gepflanzt werden, Kinder unterrichtet werden und zwischen den Ruinen Lieder erklingen – wird die Hoffnung nicht sterben.“
Dokumente und Links
Bischof Dr. Imad Haddad: Warum ich Hoffnung habe (PDF)
Bishop Dr. Imad Haddad: Why Do I Have Hope? (PDF)
Der Alltag palästinensischer Christen: Checkpoints, Siedlergewalt, Auswanderung
Deutschlandfunk, 18. Februar 2026